Frenzel, Karl Otto
Tiber Gellerts religiöses Wirken
ÜBER GELLERTS
RELIGIÖSES AVIRKEN.
IXAIGURAL-WSSERTATM
ZVR
EELANGUNa DEE DOCTOEWÜRDE
DER
HOHEN PHILOSOPHISCHEN FACULTÄT DER UNIVERSITÄT LEIPZIG
VORGELEGT
VON
K. O. FRENZEL
BAUTZEN. DItUCK UND VERLAG VON E. M MONSE.
IN KOMMISSION BEI F. A. REICHEL (M. HICHTEK). 1894.
^■^M'.-
"if^m'^sssmmsirmsiessm.
I
PT
I
A- -M?!?;: >-> Vs'v;
"m^' "'^'^v ^"^^ ^pt
■lMi^;lilii^Wk
HERRN
PROF. Dß. EUD. HILDEBEAND
IN LEIPZIG
EHRERBIETIGST ZUGEEIGNET.
wmm
ZCFn
HERRN
PROF. Dß. ßüD. HILDEBRAND
m LEIPZIG
EHKERBIETIGST ZUGEEIGNET.
Vorbemerkung.
iMachdem in den letzten Jahrzehnten die litterarische und pädagogische Bedeutung Gellerts eingehend untersucht worden ist, will die vorliegende Abhandlung das religiöse Wirken dieses Mannes zur gesonderten Darstellung bringen und damit einen Beitrag zu dem Lebensbilde Gellerts liefern, das in wissenschaftlich ausreichender Gesamtdarstellung bis jetzt noch fehlt. Das hervorragende Interesse, welches bei dieser Untersuchung die Gelegenheitsschriften über Gellerts Tod beanspruchen mussten, dürfte es rechtfertigen, wenn der folgenden Darstellung u. a. eine Übersicht der dem Verfasser erreichbaren und von ihm durchgesehenen Grabschriften- litteratur vorangestellt ist. Sie ist durch ihre Titel und ihren Umfang ein anschaulicher Beweis für die ausserordentliche Wertschätzung, welche besonders die religiöse AVirksamkeit Gellerts bei seinen Zeitgenossen gefunden hat.
Litteratiirnachweis. I.
€. F. Gellerts sämtliche Schriften. Berlin, AYeidmannsche Buch- handlung. Leipzig, Hahnsche Verlagsbuchhandlung. Neue rechtmässige Ausgabe. 1867. (von J. L. Klee. — 10 Bände [sign. I — X]; im zehnten ist die oft angezogene Gellert- ])iographie von Gramer mitgedruckt.)
•€hr. F. Gellerts Tagebuch aus dem Jahre 1761. Leipzig, T. 0. AVeigel. 1862. [sign. Tgb.]
Gellerts Briefe an Fräulein Erdmuth von Schönfeld, naclimals Gräfin Bünau von Dahlen, aus den Jahren 1758 — 1768. Als Manuskript gedruckt. Leipzig, Druck von J. B. Hirschfeld. 1861. [sign. Seh.]
•Gellerts Briefwechsel mit Demoiselle Lucius, nebst einem An- hange, herausgegeben von F. A. Ebert. Leipzig (F. A. Brock- haus), 1823.
■Gellerts Briefwechsel mit dem Kaiserlichen Gesandten Freiherrn von Widmami. Nürnberg (Stiebner), 1789.
Tl.
Schriften, welche bei Gellerts Tode oder bald nachher erschienen.
1) Das Grab Gellerts. Ein Gedicht. Leipzig, bei Siegfried Leb- recht Crusius, 1770.
2) Ein Traum bei dem Tode des Herrn Professor Gellerts von ***, zmn zweitenmal herausgegeben und mit einem eignen Gedichte vermehrt von J. F. Froriep, Professor der Philo- sophie und Frühprediger bei der üniversitätskirche zu Leip- zig, — Leipzig, in der Hollischen Buchhandlung (1770).
3) Auf das Absterben seines Freundes Christian Fürchtegott Geliert von Johann Andreas Gramer, Leipzig, in der Holli- schen Buchhandlung.
~4) Auf Gellerts Tod, gesungen von Karl Mastalier, der G. J. Priester, und öffentlicher Lehrer der Dichtkunst, am Profess- hause ebenderselben Gesellschaft. (Leipzig) 1770.
5) Auf Gellerts Tod. Gesungen im Winter 1769 von Michael Denis, aus der Gesellschaft Jesu, Lehrer am K. K. There- siano. Leipzig, in der Hollischen Buchhandlung.
10)
111
12)
13)
14)
15)
16)
171
19) 20)
21) 22:
23)
24)
Anf den Tod Gellerts. Von Christoph Eegelsberger, au» der G. J. öffentlichen Lehrer der Dichtkunst an der Uni- versität. Wien, gedruckt bey Joh. Thom. Edlen v. Trattnern, K. K. Hofbuchdr. und Buchhändlern, 1770. Auf Gellerts Tod. Von Fidler. Wien, gedruckt bey Jo- hann Thomas Edlen v. Trattnern, K. K. Hofbuchdi'uckern und Buchhändlern, 1770.
Die weinende Muse an der Gruft des Herrn Prof. Gellerts von J. C. S. Leipzig, bei Johann Gottfried Müller, 1770. Zärtliche Klagen eines Jünglings, geweint bei dem frühen Grabe des Herrn Professor Gellerts. Leipzig, bei Christian Gottlob Hilschern, 1770.
Die Empfindungen eines Ausländers bei dem Tode des Pro- fessor Geliert. Leipzig, bei Christian Gottlob Hilschern, 1769. Empfindungen, bey der betrübten Nachricht von dem Tode des Herrn Professor Geliert, seines unvergesslichen Freundes, von Ehrenfried Liebich. Hirschberg, gedruckt bey Imma- nuel Krahn. 1770, im Jenner.
Meine Klagen l)ey dem Tode des Professor Geliert. An den Pastor Liel»ich. Hirschberg, gedruckt bey Immanuel Krahn, 1769.
Aufgerichtetes Ehrendenkmal bei dem Sarge des Hrn. Prof.. Geliert, von dem Verfasser der Klagen, 1770. GeUerts wahre Grösse, gepriesen durch einen von dankbarer Liebe und Avürdiger Ehrfurcht gerührten ehemaligen Schüler G. E. AValdau. Leipzig, bei Christian Gottlob Hilschern, 1770. Geliert als Vater, von einem Leipziger Frauenzimmer be- schrieben. Leipzig, bey Johann Ehrenfried Walther, 1770. Gellerts Andenken in der Campagne. Aufgerichtet von einem alten erfahrenen Offizier von T**. Frankfurt und Leipzig, 1770. Zu Gellerts Gedächtnisse. Im Christmonat 1769. Leipzig, in der Dyckischen Buchhandlung, 1770. Geliert als ein Gelelu-ter und ein Christ betrachtet von einem Seiner Verehrer. Leipzig, bey Wilhelm Gottlob Sommer, 1770.. Ode an den sei. Prof. Geliert, von J. C. Lavater (1770). Gellerts letzte Vorlesungen herausgegeben und mit einer Vor- rede begleitet von einem seiner Zuhörer. Leipzig, bei Jo- hann Gabriel Büschel, 1770.
Der vortreffliche Charakter des Herrn Professor GeUerts. Leipzig, bey Johann Gottfried Müller 1770. Geliert, ein tugendhafter Gelehrter. Von einem seiner Zu- hörer (o. 0. 0. J.).
In Gellerti effigiem. 0** (o. 0. o. J.).
Eine Ermahnung an die Christen zur Beständigkeit und in einer Bussermahnung den Donnerstag nach dem andern Ad- vent 1769 in der Kirche zu St. Nikolai in Leipzig gehalten
- 9 —
lind da1>ei zugleich über das Leben und Tod des berühmten Herrn Professor Gellerts, welcher die Nacht vorher, den 13. Dez. aus der Zeit in die Ewigkeit gegangen, eine zur Erbauung seiner Zuhörer abzielende Beti'achtung angestellt, welche hernach etwas weiter ausgefülirt nebst jener auf Ver- langen zum Druck ausgehändigt worden von D. Christian Gottfried Mathesius, Archidiakonus und Freitagsprediger liei dasiger Kirche. — Leipzig, mit Langenheimischen Schriften.
25) Dank'oares Andenken aufrichtiger Freunde an den Charakter des verewigten Geliert, 1770, im Jänner. Hamburg, bey Johann Carl Bohn.
2(j) Zur A'erewigung des seligen Professor Gellerts. Leipzig, in Commission bey Herrn Christian Friedrich Lienicken. 1770.
27) AV. F. H. Reinwald, Uelier Gellerts Tod. :\Ieiningen, bey Friedemann Christoph Hartmann, Herzogl. Sachs. Hofbuchdr. 1770.
28) An Herrn Professor Rammler, Gellerts Tod betreffend, von J. T. Hermes, Hofprediger, und erster Prediger zu Pless. — Leipzig, bey Johann Friedrich Junius. 1770.
29) Das Andenken des Herrn Christian Fürchtegott Geliert, ausser- ordentlichen Professors der Philosophie, von der Leipziger Universität gestiftet durch Johann August Ernesti. Aus dem liateinischen. — Leipzig, bey Weidmanns Erben und Reich. 1770. (Ursprünglich als akademische Schrift: ^le-
moriam viri clarissimi et amplissimi Christiani Gellerti
pie defuncti civibus academicis commendat Rector Universi- tatis Liter. Lips., bald darauf auch für einen weiteren Leser- kreis erschienen unter dem Titel: Elogium viri pie
defuncti publice scripsit Jo. Augustus Ernesti.)
30) Gellerts Empfehlung. Eine Vorlesung, den IG. December 17 G9 gehalten, von J. G. Eck. Leipzig, in der Hilscherischen Buchhandlung, 1770.
31) C hoff in, Monument erige ä rhouneur de Monsieur le pro- fesseur Geliert . . . dans un discours academique. ä Leipzig, chez Christian Gottlob Hilscher, 1770.
32) Elegie bei dem Grabe Gellerts von W. im Februar 1770. Leipzig, bey Weidmanns Erben und Reich.
33) Betrachtungen bey dem Absterl»en Herrn Christian Fürchte- gott Gellerts. Von Christoph Gottlieb von Murr. Zweyte Auflage. Nürnberg, bey Johann Eberhard Zeh, 1770.
34) Gellerts Monument. Leipzig, in der Dyckischen Buchhand- lung, 1774.
35) Exsequien der Grabesänger Gellerts. (o. 0. o. J.)
3G) Moralische, Satyrische und Kritische Anatomie der Schriften auf Herrn Professor Gellerts Tod. Frankfurt und Leipzig, 1770 (in vier Teilen).
— 10 —
37) Freundschaftliche Erinnerungen an die Verfasser der mo- ralischen, satyrischen und kritischen Anatomie der Schriften auf den Tod des Herrn Professor Gellerts. 1770. (o. 0.)
38) Der Friedensrichter zwischen dem Verfasser des Traums bej dem Tode des Herrn Prof. Gellerts und zwischen dessen kritischen Anatomiker, nebst einer Zugabe. 1770.
39) Koch ein Wort zu den Schriften bey dem Tode des Herrn
Prof. Gellerts Molliter ossa cubent! Leipzig, 1770,
Bey Christian Friedrich Rumpf.
40) Über einige Schriften, die des Herrn Prof. Gellerts Tod ver- anlasst hat. Ein freundschaftlich Gespräch von R. und M. 1770. (0. 0.)
41) Vermischte Anmerkungen ülter Gellerts Moral, dessen Schriften überhaupt und Charakter. Aus dem zweyten Stücke des zwölften Bandes der Neuen Bibliothek der schönen Wissen- schaften und der freyen Künste. Leipzig, in der Dyckischen Buchhandlung, 1772.
42) Christian Fürchtegott Gellerts Leben von Johann Andreas Cramer. 1774. (Enthalten auch in den Ausgaben der Gellertschen Schriften.)
43) Schwäbische Beyträge zu Gellerts Epicedien. Stuttgart bej^ Johann Benedict Mezler. 1770.
44) Herrn Hubers Lobschrift auf den Herrn Professor Geliert. — Aus dem Französischen übersetzt. Leipzig und Schleiz, bey Johann Gottlieb Mauken. 1771.
45) Betrachtungeii bey dem Tode Gellerts an die beiden jungen Herrn Grafen Joseph und Karl von Neipperg von J. H. F. Frankfurt am May n, gedruckt mit Andreäschen Schriften, 1770.
4G) Gellerts Denkmal. — von Gustav Adolph von Amman. Augs- burg, liey Elias Tobias Lotter, 1770.
47) Dem Andenken Gellerts, gewiedmet von der Gräfin von ***. Leipzig, in der Dyckischen Buchhandlung, 1770.
48) Vollständige Sammlung der Gedichte, welche der Tod des Herrn Prof. Geliert veranlasset hat. (1. imd 2. Stück.) Leip- zig, bey Carl Wilhelm Holle. 1770.
49) Auflichtige Gesinnungen üT»er das Natürliche und Übertriebene bey denen auf den Tod des verehrungs würdigen Gellerts herausgekommenen Gedächtnissschriften. Leipziger Oster- messe, 1770.
50) Uelter den AVertli einiger Deutschen Dichter und über an- dere Gegenstände den Geschmack und die schöne Litteratur betreffend. Ein Briefwechsel. Frankfurt und Leipzig. 1. Stück 1771. — 2. Stück 1772.
51) Geliert und Rabener, ein Totengespräch. Leipzig, bey Weid- manns Erben und Reich. 1772.
— 11 — III.
Neuere Litteratur.
Karl Heinrich Jördens, Lexikon deutscher Dichter und Prosaisten. 2. Band. 1807. S. 54-88.
H. Döring, Gellerts Lelien. Greiz 1833. Zwei Bände.
Züge aus Gellerts Leben von Dr. Gotthilf Heinrich von Schu- bert, Ivgl. Bayr. Geh. Rath in München. Für einen wohl- thätigen Zweck aus dem Gellertbuch abgedruckt. Dresden, Justus Naumann. 1855.
Gellertbuch. Herausgegeben von Ferdinand Naumann. Dresden, Kgl. Hofbuchdruckerei von C. C. Meinhold und Söhne.
Das fromme Leben Christian Fürchtegott Gellerts. Für das Volk beschrielien von D. Gottlob Eduard Leo, Consistorialrath und Superintendent in Waidenburg. Dresden, bei Justus Nau- mann. Waidenburg, bei dem Verfasser.
Denkschrift, das Geliertdenkmal und das GeUert-Legat betreffend, nebst einem Verzeichnis der Geber. Zur Feier der Enthüll- ung und Einweihung des Geliert -Denkmals in Hainichen herausgegeben im Aiiftrage des Comites für Errichtung eines Geliertdenkmals von I)r. Feodor Wehl. — In Commission bei H. Huhn in Hainichen. (1861.)
Bede an der neuen Geliertstatue im Rosenthale zu Leipzig. Ge- halten den 7. Juni 1865 l>ei der XV. deutschen Lehrer- versamralung von Dr. G. Fricke. Leipzig, 1865. Verlag von Julius Klinkhardt.
Geliert als Volkslehrer. Von Prof. Dewischeit. Programm des Kgl. Gymnasiums zu Gumbinnen. 1869.
Christian Fürchtegott Geliert. Rede am 13. Dezember 1869 in der Aula der Leipziger Universität gehalten und mit Er- läuterungen versehen von Chr. Ernst Luthardt etc. Leipzig, Dörffling und Franke. 1870.
Dr. Reinthaler, Christian Fürchtegott Geliert als Moralphilosoph und geistlicher Liederdichter. Programm des Gymnasiums (Kgl. u. Stadt-) zu Cöslin. . . . 1870.
Julian Schmidt, Zum Andenken Gellerts. Abgedruckt in der Reichardschen Wochenschrift „Im neuen Reich" 1878 Nr. 6, S. 212—226.
Ueber Gellerts erzieherischen Einfluss von H. Sc hui 1er. In- auguraldissertation zur Erlangung der philosophischen Doktor- würde an der Universität zu Leipzig. Separatabdruck aus Neue Jahrbücher für Philologie und Pädagogik. 122. Band, Druck von B. G. Teubner in Leipzig, 1880.
A. Schullerus, Gellerts Leben und Werke. Leipzig und Wien. Bibliographisches Institut. Erweiterter Abdruck aus „Meyers Klassiker! äbliothek". (1891.)
— 12 —
Hierülier wurden insbesondere noch eingesehen die Altschnitte ülier Geliert l>ei K. Biedermann, Deutschland im 18. Jahrhundert. 2. Bd. 2. Tl.
S. 8—70, Ed. Emil Koch, Geschichte des Kirchenlieds und Kirchen- gesanges etc. 3. Aufl. 1869, und in der Allgemeinen Deutschen Biogi-aphie, 8. Band (Erich
Schmidt), S. 514 ff., sowie endlich die beiden Einleitungen zum 43. Bd. (1. Abteil- ung) der Kürschnerschen Deutschen Nationallitteratur. (Franz Muncker.)
„Acli Gott, wie muss das Glück erfreuu, Der Retter einer Seele sein!"
(Gellerts Werke 11, 186.)
Fast hundertfünfundzwanzig Jahre sind seit Gellerts Tode verflossen. Eine grosse Blütezeit deutscher Litteratur ist in denselben vorübergegangen, und das bei Gellerts Zeiten so schwache Deutsche Keich ist neu und mächtiger wiedererstanden. Vor der Fülle litterarischer und politischer Ereignisse, welche uns von Geliert trennen, ist das Andenken dieses Mannes zurück- getreten. In der raschlebenden Bevölkerung der deutschen Gross- städte wenigstens wissen die meisten nicht mehr von ihm, als dass er Fabeln und Lieder gedichtet habe, und dass er ein frommer Mann gewesen sei. Auf dem Lande hat sich allerdings mehr Erinnerung an ihn bewahrt. Gar manche von den Vätern ererbte Anekdote wandert noch von Mund zu Mund, ohne dass der Litterarhistoriker von ihr Kenntnis erhielt. — Alles in allem aber sind es doch nur dürftige Überreste des stolzen Bewusst- seins, welches im dritten Viertel des vorigen Jahrhunderts jeder biedre Deutsche empfand, wenn Gellerts Name genannt wurde. •
Es ist nicht übertrieben und wird sich im folgenden genauer ergeben, dass seit D. Martin Luthers Zeiten niemand, selbst "'jj Spener nicht, so reichen unmittelbaren Einfluss auf das deutsche-' Volk gewonnen hat, wie Geliert. — Woraus erklärt sich die ausserordentliche Achtung, welche er in allen Schichten der Bevölkerung genoss? Nur zum Teil aus seinen litterarischen J^^ri-H^
Verdiensten. Wohl war es für den Deutschen eine Freude, zu sehen, wie Geliert die verachtete, vom Unkraut französelnder ).xr- ■ - Sprachmengerei überwucherte Muttersprache wieder mit Leichtig- ' j^-ar- '' keit und Liebenswürdigkeit handhabte; wie er durch seine Briefe ^^yh^ zeigte, dass dieselbe auch für gebildete Menschen da sei und ■p^/f'^, ausreiche, die tiefsten Empfindungen von Freud und Leid klar und schön auszudrücken. Aber dieses Verdienst allein konnte höchstens bei den oberen Zehntausend einen Eindruck machen, welche nach dem Stande ihrer Bildung fähig waren, es zu wür- digen; und dieser Eindruck musste bald zurücktreten vor den genialeren Leistungen eines Klopstock, Wieland, Lessing, Herder und den Erfolgen Schillers und Goethes. Es muss also etwas anderes gewesen sein, was Geliert allgemeine Achtung erwarb
— 14 —
und noch lange nach seinem Tode im Herzen des Volkes ein freudiges Andenken sicherte. Dies ist sein religiöses Wirken oder, um mit Goethe zu reden, seine Bedeutung ..für die sitt- liche Kultur des deutschen Volkes''.
Dieses religiöse Wirken Gellerts soll Gegenstand der fol- genden Darstellung sein. Dieselbe lässt sich jetzt eher geben als früher, weil wir neben des Dichters eigentlichen Werken sowie den moralischen Vorlesungen, durch welche er auf die akademische Jugend so viel Einfluss gewann, auch einen be- trächtlichen Teil seines Briefwechsels besitzen, vor allem den mit Demoiselle Lucius und mit Fräulein Erdmuthe von Schön- feld. So hat mau sich seit dem Erscheinen der neuen Ausgabe Gellertscher Schriften 1839 der Bedeutung dieses Mannes nach andern Seiten hin bereits mehrfach angenommen. In der vor- liegenden Untersuchung war Verfasser bemüht, neben Gellerts Werken die Aussagen von dessen Zeitgenossen in möglichst weitem Umfange zu Rate zu ziehen.
Zuvörderst scheint es nötig, die Voraussetzungen aufzuzeigen, unter denen Gellerts religiöses Wirken zu stände kam. Sie liegen einmal in der Eigenart seiner religiösen Stellung, sodann aber in des Dichters äusserer Lebensführung, die ihn auf einen bedeutsamen kulturgeschichtlichen Schauplatz stellte, wo er seine litterarischen Gaben entfalten konnte.
Gellerts Leben fällt in eine Zeit, in der die theologische Wissenschaft nicht geschlossen auftrat. Vielmehr sind gerade die ersten Jahrzehnte seines Lebens eingenommen von dem gewaltigen Ringen verschiedener Systeme, die unmittelbar auf das praktische Christentum zurückwirkten und die beim Ein- zelnen leicht einen Zustand religiösen Schwankens herbeiführen konnten. Die altlutherische Orthodoxie mit ihrem staunen- erregenden Lehrgebäude hatte sich durch tote Veräusserlichung fast unmöglich gemacht, und der ehrwürdige Valentin Ernst Löscher versucht in seinem 1722 ausklingenden litterärischen Kampf wider die Halleschen Pietisten — besonders Joachim Lange — zum letzten Male, die Herrschaft der altgläubigen Schule zu retten. Vergebens! Denn neben dem siegesstolzen Pietismus erhob sich bald ein neuer Gegner der Orthodoxen, die Wolffsche Philosophie, deren mathematische Demonstrations- methode von namhaften deutschen Theologen zunächst mit Vor- sicht angewandt wurde, um die christlichen Glaubensgeheimnisse mit Vernunftgründen zu stützen, und die bald weiter zum flachen Raisonnement der aufklärerischen Popularphilosophie führte. Dieser Rationalismus siegte schliesslich auch über den Pietis- mus, weil sich dieser nach dem Tode seiner Führer Spener und Franke mehr und mehr von den wissenschaftlichen Aufgaben der Theologie entfernte und ausschliesslich auf den engen Kreis
— 15 —
des Biblisch-Erbaulichen zurückzog. Erleichtert wurde dieser Sieg der Aufklärung noch durch die aus Frankreich und England kommenden naturalistisch-deistischen Beeinflussungen. Während der französische Naturalismus an den FürstenhöTen, insonderheit Berlin, sein Lager aufschlug, begann die Freigeisterei des eng- lischen Deismus auf die gebildeten Schichten des deutschen Volkes einzuwirken, als die zahlreichen, meist schwachen Wider- legungen desselben dem kritisch veranlagten Publikum durch Übersetzung bekannt wurden.
Zwischen diesen sich feindlich bekämpfenden Strömungen einer starren Orthodoxie, eines entartenden Pietismus und einer vernunftbegeisterten Aufklärungstheologie standen natürlich in Gellerts Zeitalter auch vermittelnde Anschauungen, die das Gute aus allen Richtungen aufnehmen wollten, ohne in einseitige Fehler zu verfallen. Gellerts Christentum musste zu diesen^'\ verschiedenen Richtungen Stellung nehmen und durch dieselben y beeinflusst werden. — '
Geliert war von Haus aus eine religiös gerichtete Xatur. ^ e)>^ ' Das Gebet, welches sein Vater bei der Geburt seines Christian Fürchtegott ins Kirchenbuch schrieb i), dass dieser wohlgeraten und fromm und ewig selig werden möchte, begann dank der frommen Erziehung, die der Knabe erhielt, frühzeitig in Er- füllung zu gehen. Die dürftigen Lebensverhältnisse im Eltern- hause und die körperliche Schwächlichkeit des Knaben brachten es mit sich, dass er nur selten zum rechten Genuss seiner Jugend kam. Umsomehr aber richtete er seinen Blick bereits damals nach der jenseitigen Welt, in der er sich sein ganzes Leben lang durch gläubigen Gebetsverkehr mit Gott heimisch fühlte. Doch war es nicht ein zügelloses Sichhinüberträumen nach phantastischen Ewigkeitsgestaden, sondern Gellerts Blick auf die „andere Welt" wurde geklärt und bestimmt von seiner eifrigen Bibellektüre, die er ebenso wie das Gebet von Jugend an sein ganzes Leben hindurch gewissenhaft übte-). Die biblische Belesenheit aber gab seinem religiösen Leben auch eine heilsam kräftige Beziehung auf diese Welt, der Geliert bereits durch sein vielseitiges Interesse für irdische Wissens- und Lebenskreise nicht fern stand. VVenugleich ihn seine zunehmende Kränklichkeit und die gewiss daraus hervorgehende schwermütige Stimmung gelegentlich zu Äusserungen brachte wie die: „nicht hier, erst
t^'
1) X, 157 Anm.
2) Vergl. die gelegeutlicheu Notizen in Gellerts Tagebuch v. J. 1761: 18. Jan. — 7. Febr. — 14. Febr. und vor allem sein „aufrichtiges" Selbst- bekenntnis VI, 191 f. MV'O: „Ich habe fünfzig Jahre gelebt und mannig- faltige Mühseligkeiten des Lebens erduldet und nirgends mehr Licht in Finsternissen, mehr Stärke, mehr Trost und Mut in den Leiden gefunden als bei der Quelle der Religion. Dieses bezeuge ich auf mein Gewissen" u. s. w.
— 16 —
dort soll ich glücklich werden" '■'% so überwog doch eine andere Auffassung des irdischen Lebens. Er betrachtet es meist nicht als lästige Fessel, die uns augelegt ist, sondern als eine an- genehme Zeit, die uns gegeben wurde, damit wir iu treuer Er- füllung unserer irdischen Berufspflichten und eifriger Beobach- tung kirchlicher Sitte am inneren Menschen wachsen^).
An diese von Haus aus religiöse Natur Gellerts traten nun die verschiedenen theologischen Strömungen heran, zum Teil schon während seines Studiums in Leipzig, wo Hofmann gegen die Woltfsche Philosophie eiferte, mehr noch später, als Geliert durch seineu Freund Ebert, einen Mitarbeiter an den Bremer Beiträgen, zum Verständnis der englischen Sprache'^) und damit zur Lektüre der autideistischen Schriften geführt wurde.
Jede der genannten Anschauungen fand in ihm verwandte Seiten und gewisse Vorbedingungen zur Aufnahme. Das klare Lehrgebäude der Orthodoxie musste bei ihm schon deshalb Zu- stimmung finden, weil es der christlichen Unterweisung ent- sprach, die ihm in Elternhaus und Schule zu teil geworden, und weil es sich auf der Schrift erbaute, in der er täglich gläubig forschte. Aber auch der Pietismus mit seinem Drängen nach lebendigem Christentum, mit seinen Audachtsübungen fand in Geliert fruchtbaren Boden, besonders in der zweiten Hälfte seines Lebens. Endlich konnte auch der Rationalismus mit gewissem Erfolg au ihn herantreten; denn so abhold auch Geliert frecher Freigeisterei war, so sehr trieb ihn doch der Mangel an orthodox-dogmatischer Spekulation einerseits und der offene Blick für die Wunder Gottes in Natur und Menschenleben andrerseits dazu, seinen christlichen Glauben in Übereinstimmung mit den Ergebnissen eines vernünftigen Denkens zu setzen.
Es entsprach der Fähigkeit Gellerts, sich in fremde An- schauungen hineinzudenken, der Schüchternheit, mit der er seinen eignen Willen geltend machte, und der guten Meinung, die er meist von seiner Umgebung hatte, dass er sich keiner der genannten theologischen lÜchtungen bis zur Einseitigkeit hingab, sondern sie in ihrer Verschiedenartigkeit auf sich wirken liess. Zu einer theologischen Ausgleichung der aufgenommenen Elemente ist es bei Geliert nicht gekommen, konnte es auch nicht kommen. Denn nur, weil er nie allseitig die Konsequenzen seiner theologischen Anschauungen zog, war es möglich, dass er in seiner Person das Festhalten am dogmatischen Kirchen- glauben mit aufklärerischen Anschauungen vereinte.
3) II, 127.
*) Z. B. IX, eil. B47: „Bete, wache, tluie deiue Pflicht und beschäftige dich nützlich; itud das thue täglich und auch täglich prüfe dich hierüber! Dies ist die wahre und höchste" Weisheit."
5) VIII, ep. 31.
17
^■•^'
>■
Dieses Nebeneinandergeheu verschiedener Pdchtimgen ohne rechte Vermittlung lässt sich auch in den Werken verfolgen, ^^ die er zur Förderung der Religiosität schrieb. So nehmen manche fast keinen Bezug auf die eigentlichen Heilswahrheiten der Erlösung. In dem moralischen Gedicht „der Christ" wird das Christentum als eine fortgesetzte Ausübung vernunftgemässer, tugendhafter Handlungen beschrieben, als eine ,.Lehre'', in der nichts sei, das der Vernunft ein Schimpf und Gott nicht rühm- lich wäre. Auch der feierliche Tod des Christen wird geschildert. Aber weder reflektiert der Dichter über Sündenerkenntnis und Busse, noch kommt überhaupt — eine ganz unwesentliche Stelle ausgenommen '') — der Herr Christus in dem langen Gedichte vor. Man hat den Eindruck förmlicher 'Dogmenflucht. Und derselbe Dichter bekennt sich einem böhmischen Geistlichen gegenüber, der ihn zum Konfessionswechsel aufforderte, als bewusstes Glied der lutherischen Kirche: „Gott gebe, dass ich täglich durch Glauben und Gehorsam mich zu einem seligen Tode vorbereite; und den hoffe ich in der Religion, in der ich leben und sterben werde, in der Religion der heiligen Schrift ')." In den 1757 erschieneneu geistlichen Oden und Liedern aber gehen, worauf Albrecht Ritschi aufmerksam macht '^j, geradezu zwei Richtungen ziemlich unvermittelt nebeneinander. Die für die kirchlichen Festzeiteu bestimmten Lieder drücken ihre Zu- stimmung zu der überlieferten Auffassung von Christi Geburt, Tod, Auferstehung, Erhöhung zur Herrschaft über die Welt mit grosser Wärme und unzweifelhafter Aufrichtigkeit aus'')- Auch in einigen andern Liedern findet sich die Kirchenlehre über das Erlösungswerk ausgesprochen^"). Die meisten aber verhalten sich zu den heilsgeschichtlichen Wahrheiten so indifferent, dass der Verfasser als Rationalist erscheint.' Diesen Eindruck vermag auch die fortgesetzte Bezugnahme auf die göttliche Vorsehung nicht zu ändern. Denn Geliert besitzt zwar einen lebendigen Glauben an die Vorsehung Gottes und bringt ihn oft zum Aus-/ druck; aber er leitet ihn nicht aus dem Kind Schaftsverhältnis
'^) II, 37: ,,Die Lehre Jesu siegt."
^) IX, ep. 267 V. J. 1762.
**) Albr. Ritschi, Die christliche Lehre von der Eechtfertigung und Versöhnung. 3. Auflage. 1888. Dritter Band S. 177—179.
'■^) Vergl. aus dem Passionsliede II, 103 ff. : ,,Dein Mörder, Jesus, war auch ich ; denn Gott warf aller Süud' auf dich, damit wir Friede hätten" ; aus dem Osterlied II, 175 ff. „Jesus lebt, mit ihm auch ich": ,,Gott ver- stösst in Christo nicht"; aus dem Himmelfahrtsjied II, 135 ff. das Ende: „Er sitzt zur Rechten des Herrn. Er lebet und regieret von Ewigkeit zu Ewigkeit."
10) II, 107 f. Der thätige Glaube: „Durch Jesum rein von Missethat, sind wir nun Gottes Kinder"; II, 118 f. Trost der Erlösung: „Nimm mir den Trost, dass Jesus Christ am Kreuz nicht meine Schuld getragen, nicht Gott und mein Erlöser ist, so werd' ich angstvoll zagen."
V
— 18 —
ab, in welches wir durch Christum zu Gott getreten sind, sondern aus der natürlichen Religion. So wird in der „Ehre Gottes aus der Natur" ii) von der unzähligen Menge der Wesen, von der Ordnung und Kraft in den Wunderwerken der Schöpfung nicht nur die Gotteserkenntnis, sondern auch die christliche Pflicht, Gott zu vertrauen, abgeleitet. Dieser Irrtum reicht zwar bis in die orthodoxe Theologie zurück i-), er ist aber für den Rationalismus insofern charakteristisch, als letzterer den Vorsehungsglauben festhielt, so ablehnend er sich sonst den Dogmen gegenüber zeigte.
Ein solches Nebeneinandergehen verschiedener theologischer Anschauungen macht es begreiflich, dass sich dogmatische Un- klarheiten bei Geliert einstellten. Die Aufforderung zu tugend- haftem Leben und das Festhalten an der göttlichen Erlösungs- gnade treten in ganz unklare Beziehungen. So singt der Dichter in dem Passionsliedei-'): „Herr, stärke mich, dein Leiden zu bedenken", Vers 16:
„Unendlich Glück! Du littest uns zu gute. Ich bin versöhnt mit deinem teuren Blute. Du hast mein Heil, da du für mich gestorben. Am Kreuz erworben." — Vers 17 aber fragt er: „So bin ich denn schon selig hier im Glauben? So wird mir nichts, nichts meine Krone rauben? So werd ich dort, von Herrlichkeit umgeben, Einst ewig leben?" Man erwartet gewiss eine bejahende Antwort; aber dieselbe fällt anders aus; Vers 18:
„Ja, wenn ich stets der Tugend Pfad betrete, Im Glauben kämpf, im Glauben wach und bete. So ist mein Heil schon so gewiss erstrebet, Als Jesus lebet." Liest man diese und ähnliche Stellen aus Gellerts Liedern, so wundert man sich nicht, wenn der schon erwähnte böhmische Geistliche 1*) auf die Vermutung kam. Geliert sei kein rechter Protestant und werde sich zum Übertritt ins römische Lager bewegen lassen.
Wir sehen, Gellerts theologische Stellung wird thatsächlich von verschiedenen Richtungen beeinflusst und dies wirkte in eigentümlicher Weise auf sein persönliches Christentum ein.
") II, 80: „Die Himmel rühmeu des Ewigen Ehre" u. s. w.
1-) Job. Gerhard trägt die Schuld, indem er den Glauben an Gottes Vorsehung zur natürlichen Theologie schlägt; s. Ritschi a. a. 0. S. 173.
13) II, 158 if. — Eitschl bringt a. a. 0. noch ein anderes Beispiel aus II, 102: Der Weg des Frommen. V. 1.
"j Das Lied, an welchem er Austoss nahm, steht II, 107: Der thätige Glaube.
— 19 —
Zwar konnte Geliert, der von Haus aus religiös gerichtet war, durch die Vernunftreligion der Aufklärung nimmermehr zum Unglauben verführt werden, noch konnte er sich in die Ober- flächlichkeit toter Orthodoxie verlieren. Mit andern Worten: keine dieser Kichtungen konnte ihn ganz einnehmen. Er blieb im Grunde seines Herzens, was er war: ein bibelgläubiger, ernster Christ von milder Orthodoxie und einem gut Teil an «dlem Pietismus, der erst im letzten Jahrzehnt seines Lebens mit dem wachsenden körperlichen Siechtum zu selbstquälerischen Verirrungen führte. Aber einen greifbaren Ertrag hatten die theologischen Anschauungen Gellerts doch für seine religiöse Stellung: sie schufen jene weitherzige Toleranz, mit der er andern Gestaltungen des Christentums gegenüber stand. Nur muss man nicht denken, dass er, durch diese Milde verleitet, seinen religiösen Standpunkt überhaupt aufgegeben habe und unfähig geworden sei, andere segensreich zu beeinflussen.
Wie vermittelnd nämlich die theologische Stellung auch ■war, welche Geliert einnahm, wie viele Unklarheiten sie auch •aufwies, so scharf war doch der religiöse Blick, mit dem er die Welt um sich herum betrachtete, ob sie für oder wider Gott sei. Wie sehr der gelehrte Professor ein Kind der religiösen Zeitströmungen war, so entschieden regte sich doch in ihm das Gefühl der Verpflichtung, diejenigen zu warnen und zurückzu- bringen, die auf dem Wege aufklärerischer Freigeisterei zu Keligionsspöttern oder Verächtern geworden waren. Und diese innere Verpflichtung, Seelen zu retten, hatte ihren tiefsten Grund in der schon erwähnten Richtung auf das Jenseits, in w^elchem die wahre Glückseligkeit in Gottes Gemeinschaft zu finden sei, eine Glückseligkeit, die Geliert selbst erlangen wollte, die er aber auch allen Mitmenschen von Herzen wünschte. Daher wurde ihm der Gewissensdrang, Seelen zu werben, zur freudig ergrift'enen Aufgabe. ,.Ach Gott, wie muss das Glück erfreun, der Retter einer Seele sein", diese Worte aus seinem Liede'„Nach einer Prüfung kurzer Tage", welche ihrem Wort- laut oder wenigstens ihrem Inhalt nach in Gellerts Schriften und denen seiner Schüler oft wiederklingen ^■^), bilden gleichsam seinen religiösen Wahlspruch und bezeichnen kurz die wertvollste Seite der Religiosität Gellerts, nämlich die nach missionarischer Wirksamkeit dräno-ende Kraft seines Christentums.
15) Wörtlich YI, 141 MV^, — vgl. auch VIII, ep. GG. — IX, ep. 326 im Brief au Caroline Lucius: „Danken Sie Gott, dass Sie so glücklich sind, sich um die Wohlfahrt einer Seele verdient machen zu wollen und auch zu können", — ferner die (irabschrifteu : Betrachtungen bei dem Tode Gellerts an die beiden Grafen von Neipperg S. 32: „Dann rufet Ihr entzückt dem Gei.ste Gellerts zu: Dank sei dir, denn du hast das Leben, die Seele uns gerettet, du!" Vollständige Sammlung der Gedichte, welche der Tod etc. B. 99, 138.
— 20 —
Die innere Möglichkeit und Absicht, religiös zu wirken^ war also bei Geliert vorhanden. Dass er aber diese Wirksam- keit in reichem Masse entfalten konnte, verdankte er seiner Lebensführung, die ihn auf einen bedeutenden kulturgeschicht- lichen Schauplatz stellte, wo er seine litterarischen Gaben voll entfalten konnte und auch einen Kreis lernbegieriger Schüler um sich sah.
Es war dies Leipzig, an dessen Universität Geliert 1734 bis 1738 als Student neben theologischen Vorlesungen auch solche über Philosophie, Historie und Litteratur gehört hatte, und nach dem er sich 1741 im Alter von sechsundzwanzig Jahren zurückbegab, um, wenn möglich, sein Leben an diesem Orte zuzubringen^''). Leipzigs Hochschule war auch damals berühmt und besucht. Hier wirkte vor allem Gottsched, der in seinem „Versuch einer kritischen Dichtkunst für die Deutschen" dea jungen Dichtern strenge Gesetze für die — erlernbare — Poesie erteilte, der sich um die Theaterreform viel Verdienste erworben, der das deutsche Schriftstellertum recht eigentlich zu Ehren gebracht, freilich sich bald in stolzer Selbstüberschätzung zum unfehlbaren Kunstrichter erhoben hatte. Als Geliert 1741 nach Leipzig zurückkehrte, hatte der Streit zwischen Gottscheds Schule und den Schweizern bereits leidenschaftliche Art angenommen. Denn im Jahre zuvor waren Breitingers kritische Dichtkunst und Bodmers Abhandlung vom Wunderbaren in der Poesie er- schienen und hatten bei Gottsched grosse Missbilligung gefunden. Seine Schüler beteiligten sich lebhaft am Kampfe wider die Schweizer, der leider nicht wissenschaftlich sachlich, sondern leidenschaftlich polemisch geführt wurde. Im Juli 1741 er- schienen, aus Gottscheds Lager hervorgegangen und vom Litte- raturdiktator gebilligt und unterstützt, die vom Mag. Schwabe herausgegebenen „Belustigungen des Verstandes und des Witzes"! Auch Geliert lieferte in diese moralische Monatsschrift alsbald Fabeln, Erzählungen, Schäferspiele (das Band, Sylvia), Lehr- gedichte und andere poetische Versuche, auch einige Abhand- lungen. Er zog durch seine Fabeln sofort allgemeine Auf- merksamkeit auf sich und „in jedem neuen Stücke sah maa zuerst nach, ob eine Fabel oder Erzählung von Gelierten darinnen wäre^")." So wurde er durch den raschen Beifall ermutigt, seine dichterischen Versuche fortzusetzen. Das Partei- gezänke aber, welches auch diese Zeitschrift erfüllte, verleidete vielen strebsamen Kräften die weitere Mitarbeit. Darum grün- deten sie im Herbst 1744 bez. Neujahr 1745 (erstere Angabe bezieht sich auf die Vorrede) eine andere von Gottsched un- abhängige Zeitschrift: „Neue Beiträge zum Vergnügen des Ver-
. 16) Gramer X, 178.
"j Gramer X, 182.
— 21 —
Standes und Witzes", nach dem Verlagsovt kurz „Bremer Bei- träge" genannt. Geliert, der mit Karl Christian Gärtner, dem ersten Herausgeber des neuen Werkes, und mit Rabener schon von Meissen her innig befreundet war, schloss sich zögernd den Beiträgern an und veröffentlichte in ihrer Zeitschrift 1745 und 1747 zwei Lustspiele: ,.Die Betschwester*' und „Das Los in der Lotterie".
An der 1748 — 55 erscheinenden „Sammlung vermischter Schriften von den Verfassern der Bremischen Beiträge zum Ver- gnügen des Verstandes und Witzes" beteiligte er sich jedoch nicht, gab vielmehr seine litterarischen Erzeugnisse besonders heraus, so 1746 seinen Roman „Das Leben der schwedischen Gräfin von G**", in demselben Jahre seine „Fabeln und Er- zählungen", im nächsten die Abhandlung „Von den Trostgründen wider ein sieches Leben", 1748 seine gesammelten Lustspiele, 1751 „Briefe nebst einer praktischen Abhandlung von dem guten Geschmack in Briefen", 1754 „Lehrgedichte und Erzählungen", 1757 seine „Geistlichen Oden und Lieder" ; nebenher noch kleinere Schriften und Abhandlungen. Eine Zeit lang hat sich Geliert auch als Korrespondent am Journal etranger beteiligt ^^).
Es ist hier nicht der Ort, auf die litterarischen Vorzüge und Mängel der Werke Gellerts einzugehen, sowie nochmals auszuführen, dass er kein dichterisches Genie, sondern nur ein vielseitiges Talent gewesen sei. Sicher aber trug die flüssige, leichte, bisweilen allerdings weitschweifige Sprache und die schlichte Klarheit der Gedanken mit dazu bei, seinen Werken eine beispiellos weite Verbreitung zu verschaffen und ihren Verfasser in einen ausgedehnten Briefwechsel hineinzuziehen. Die „Trostgründe wider ein sieches Leben" wurden ins Französische, Russische und Schwedische übersetzt^"); seine „Fabeln und Erzählungen" konnte man in sieben lebenden Sprachen und ausserdem in hebräischer und lateinischer Übersetzung erhalten ^''); sie waren das Buch der Nation geworden; man las sie in allen Ständen und bei beiden Geschlechtern-'^), auch da, wo man sonst nichts las'-*). Fast gleiche Verbreitung fanden
isj Th. Süpfle, Geschichte des deutschen Kultureinflusses auf Frank- reich, 1. Bd. S. 157.
19) Jördens Lexicon Art. „Geliert".
20) Mathesius, Eine Ermahnung etc. — Betrachtungen an die Grafen V. Neipperg p. 51 5. — Schwäbische Beyträge etc., Vorrede S. 0: „Mau ■weiss in Schwaben Gellerts Verdienste nicht nur zu schätzen, sondern mau fühlt auch seinen Tod, weil alle seine Schriften von beiderlei Geschlecht, "WO nicht überall (wie davon die Cantate von Marchthal für die Dauphine ein Zeuge ist), doch an den meisten Orten mit Vergnügen und Nutzen ge- lesen werden."
-1) Vermischte Anmerkungen über Gellerts Moral etc. S. 9. Schwä- bische Beyträge S. 4: „Man frage, wie schon Abbt bemerkte, in Dörfern und kleinen Städten nach einem Klopstock, Ramler, Weise, Gerstenberg,
pesuiiu'pri arbeit«'t v, ,,, nach ihrf'iii K
If
«'iner i'rak wiini«'!» /' <lpr Wim-
I lirhon K' tholi^.i- und "
li. (•' habf
VMUS
I»our
<;, "
k.
Auch in mit regem In
K-
|.
\\
auf. I
hoveii e|i. '^*^ auf di'in K
^■••) K.: >. IX. ci -•) Z. B. .; hatte. IX. Ol.. .' -^) IX. ei.. "■•) Cr.:. ■ »') (i. :
pemciucre .\ vokaten I?.. achtzehn <;• besouders Zeit lang «i
aUb.il i in ien Lti
Kaiisch be-
\ tdi uie andern
• er 1751 uebst
'la^'k herausgab.
■•-.-■••n-"). und
- ■'. in Druck
• i nllpn christ- :i. In ka-
ihm gesagt: nou<
1 •'in. welches
M'he Litteratur il« ;;. rt.s Schriften viel
ruMT •. a. 0. X. S. Jl
m
X
Ji4af •
'9Ü « MM
l
K r •
1
gelesen. Der Graf Moritz v» von dort an seineu väterlich » so sehr bekannt und verehrt, deutsch redet ^^)." Verhältnis! nur für die „Lehrgedichte*'. Gedächtnisrede bestätigt ■'-).
In welchem Umfange das dische Publikum sich der Lekr am besten daraus erkennen, d;. mehr vor Vervielfältigung sicli diese Vervielfältigung! Der 5. Dezember 1758 dem Fräuloi eines Husarenleutnants vom in anmutiger Weise Bericht i halb Europa. Gellerts Briefe
il konnte im Dezember 1755
md schreiben: ..Sie sind hier
au keinem Orte, wo man
dg wenig Leser fanden sich
Ernesti in der akademischen
■bildete deutsche und ausläu- Gellerts zuwandte, kann man 'hliesslich keiner seiner Briefe var. Und wie zahlreich war : f, in welchem Geliert .am ■u Schönfeld von dem Besuch ' des Generals Malachowsky 1. kam in kurzer Zeit durch tu die genannte Dame bringen von Mitte 1759 bis zum Herbst 763 immer neue Hiobsposten über das Schicksal jenes „Husarenriefs", den man auch scherz- haft „den Krieg im schwarzen irett" nannte. Erst wird er im ganzen Erzgebirge gelesen, dan haben in Dresden die Kreis- direktionskopisten ganze Monat. ,ng nichts gethan, als diesen Brief abgeschrieben; von da au slangt er nach Warschau und Dänemark, und schliesslich st»; liier im Journal etranger auch französisch ^•^).
Bot Geliert schon die üheias beifällige Aufnahme seiner Schriften die Möglichkeit, auf te Kreise des Volkes religiös
einzuwirken, so wurde ihm akademische Lehrthätigkeit m drei Jahre lang durch Erteil;
gar bald auch durch seine . Nachdem er sich nämlich von Privatunterricht seinen
Lebensunterhalt mühsam verdiemund 1742 die philosophische Magisterwürde erworben hatte, abilitierte er sich 1744 als Dozent mit einer Abhandlung d poesi apologorum eorumque ^oribus und begann, Vorle sagen aus dem Bereiche der jn Wissenschaften zu halte. Hauptsächlich gesundheit- Iründe"'*) hatten ihn bestinnt, sich nicht um ein geist- Amt zu bewerben. Bei einem inneren Drange, das ?il der Mitmenschen zu ffdern, wollte er nunmehr als
[II, ep. 94. — Und dies war «ht etwa vorübergehend: im Jahre
geliert seinem (35.) Briiftau Fräulein von Schönfeld einen
^weil Sie daraus sehen k 'len, dass meine Schriften in Paris
das Andenken des 'nn Chr. F. Geliert etc. S. 27.
über diese föruili :j Geliertmanie genauer orientieren
Briefe: IX, ep ' 225. 226. 231. 232. 263. 295 und
im Briefwechs it Fräulein von Schönfeld ep. 18, ^44. 54. 70. 84
Ji^, S. 189. vusserdem die Untreue seines Ge-
.bedintjT* ^hüchternheit.
u#i':.:.^'
^
>J
seine Lieder. Nicht genug, dass sie alsbald in den Leipziger Gottesdiensten--) und im übrigen evangelischen Deutschland-'') gesungen und bis zu Gallerts Tode viermal musikalisch be- arbeitet wurden -*) : während der ersten zweiunddreissig Jahre nach ihrem Erscheinen hatte man sie ins Französische, Dänische,. Holländische und Slovakische übersetzt-'^). Auch die andern Schriften wurden viel gelesen : die Briefe, welche er 1751 nebst einer praktischen Abhandlung vom guten Geschmack herausgab, wurden zehn Jahre später ins Französische übertragen-''), und der Wunsch, er solle seine moralischen Vorlesungen in Druck geben, wurde schon bei seineu Lebzeiten laut'-').
Überhaupt fand Geliert mit seinen Schriften bei allen christ- lichen Konfessionen Beifall, auch bei den Katholiken. In ka- tholischen Ländern war die Lektüre seiner Schriften von Kirche und Staat ausdrücklich gestattet. Meinhard, der Reisebegleiter des dänischen Grafen Ludwig Moltke, schrieb freudig erregt an, Geliert, der Präsident des Wiener Büchergerichts, van Smieten, habe beim Anblick Gellertscher Schriften zu ihm gesagt: nous vous regardons comme freres, et vous n'avez rien ä craindre pour vos libres de devotion, pour les ouvrages de Monsieur Geliert; nous les admirons et les respectons -^). Selbst in einem katholischen Gesangbuche Oberösterreichs fanden Gellerts Lieder Aufnahme, und aus Mailand lief ein Schreiben ein, welches zeigte, dass sie auch dort viel gelesen wurden -^).
Auch in Paris, wo man damals die deutsche Litteratur mit regem Interesse verfolgte ■^°), wurden Gellerts Schriften viel
Kretschmarin? und niemaud kennt sie. Nach einem Geliert? und mancher Bauer wird ihm seinen Beifall zulächeln." Der Grund für diesen Einfluss Gellertscher Fabeln liegt, abgesehen von der fliessenden Sprache, durch welche er dem erwachenden „guten Geschmack" Eechnuug trug, in dem besonders volkstümlichen Ton.
22) IX, ep. 244 y. J, 17G1. — Gramer a. a. 0. X, S. 211.
23) In Celle und Hannover nahm man sie in die neuen Gesangbücher auf. Gramer a. a. 0. X, S, 211.
2*) Darunter durch Johann Adam Hiller. Spcäter komponierte Beet- hoven : „Sechs Lieder von Geliert, am Klavier zu singen" 1804. — Vgl. X, ep. 363, Avo Carol. Lucius berichtet, dass Gellerts Lieder in ihrem Hause auf dem Klavier oder auf der Flöte begleitet wurden.
25) Ed. Em. Koch, Geschichte des Kirchenliedes. 3. Aufl., 1869, I, 6.
26) IX, ep. 223 u. 237.
-') Z. B. durch Frhrn. v. Widmann, der Geliert vorübergehend gehört, hatte. IX, ep. 217.
28) IX, ep. 301.
29) Gramer a. a. 0. X, S. 211.
30) Genaueres hierüber siehe bei Süpfle a. a. 0. S. 157. — Die all- gemeinere Aufmerksamkeit wurde hier auf Geliert durch einen Pariser Adr vokaten Boulenger de Eiver}- gelenkt, welcher in eine Fabelsammlung auch achtzehn Gellertsche Fabeln mit aufnahm. — Verehrer Gellerts waren hier besonders die Madame de Graffigny und der Chevalier d'A^cq, der eine Zeit lang die Herausgabe des Journal etranger leitete.
— 23 —
gelesen. Der Graf Moritz von Brühl konnte im Dezember 1755 von dort an seineu väterlichen Freund schreiben: „Sie sind hier so sehr bekannt und verehrt, als an keinem Orte, wo man deutsch redet '^^j.-' Verhältnismässig wenig Leser fanden sich nur für die „Lehrgedichte", wie Ernesti in der akademischen Gedächtnisrede bestätigt '^-).
In welchem Umfange das gebildete deutsche und auslän- dische Publikum sich der Lektüre Gellerts zuwandte, kann man am besten daraus erkennen, dass schliesslich keiner seiner Briefe mehr vor Vervielfältigung sicher war. Und wie zahlreich war diese Vervielfältigung! Der Brief, in welchem Geliert .am 5. Dezember 1758 dem Fräulein von Schönfeld von dem Besuch eines Husarenleutnants vom Gefolge des Generals Malachowsky in anmutiger Weise Bericht erstattete, kam in kurzer Zeit durch halb Europa. Gellerts Briefe an die genannte Dame bringen von Mitte 1759 bis zum Herbst 1763 immer neue Hiobsposten über das Schicksal jenes „Husarenbriefs", den man auch scherz- haft „den Krieg im schwarzen Brett" nannte. Erst wird er im ganzen Erzgebirge gelesen, dann haben in Dresden die Kreis- direktionskopisten ganze Monate lang nichts gethan, als diesen Brief abgeschrieben; von da aus gelangt er nach Warschau und Dänemark, und schliesslich steht er im Journal etrauger auch französisch '''■^}.
Bot Geliert schon die überaus beifällige Aufnahme seiner Schriften die Möglichkeit, auf weite Kreise des Volkes religiös einzuwirken, so wurde ihm dies gar bald auch durch seine akademische Lehrthätigkeit möglich. Nachdem er sich nämlich drei Jahre lang durch Erteilung von Privatunterricht seinen Lebensunterhalt mühsam verdient und 1742 die philosophische Magisterwürde erworben hatte, habilitierte er sich 1744 als Dozent mit einer Abhandlung de poesi apologorum eorumque scriptoribus und begann, Vorlesungen aus dem Bereiche der schönen Wissenschaften zu halten. Hauptsächlich gesundheit- liche Gründe''*) hatten ihn bestimmt, sich nicht um ein geist- liches Amt zu bewerben. Bei seinem inneren Drange, das Seelenheil der Mitmenschen zu fördern, wollte er nunmehr als
31) VIII, ep. 94. — Und dies war nicht etwa vorübergehend: im Jahre 1760 legte Geliert seinem (35.) Briefe au Fräulein von Schüufeld einen andern bei, „weil Sie daraus sehen können, dass meine Schriften in Paris gelesen werden."
■^-) Ernesti, das Andenken des Herrn Chr. F. Geliert etc. S. 27.
23) Wer sich über diese förmliche Gellertmanie genauer orientieren will, vergl. folgende Briefe: IX. ep. 224. 225. 226. 231. 232. 263. 295 und über den Husarenbrief im Briefwechsel mit Fräulein von Schönfeld ep. 18. 23. 24. 32. 35. 42. 43. 44. 54. 70. 84.
^) Cramer a. a. 0. X, S. 189. — Ausserdem die Untreue seines Ge- dächtnisses und die dadurch bedingte Schüchternheit.
I
aka4<>nn«.'
sich .
».!!■■•
1 .
In. .
'I k
- 24 —
!• r r«'.:
n. VoB d«r Ct>
Int Jthr»
— «i«in er
^in ttaat-
"ur an
s
igrn ; ijrriT.*''. an«, in 4#f»*fi
jr^wi«
*• Metern dWf 4lt «rik&M« WuwmcImA« ntef INiiirtk— IM BiUMWk 4«r wWMi
t INiiirtk— IM BiUM|«k Q«. aai Qmtütn ftaMI
.• VI. IMf MV".
Utk. M Bmafd XXt & 7^
f
J^>'.aM
ÄU*.
9n
besonders zahlreich den Geheimrat und höchst lobend sechr; wesen^^). Vom Kn'i Zahl noch nach Zus; Wie im Karlsbade suchten, so sassen ii Österreicher, zum während sich Väter standen. — Es wür Studierenden bei Goi; die Theologen; aber < ,.Er hat durch seine
aus Dänemark. In einem Briefe an .ister von Bernstorff erwähnt Geliert lische Kavaliere, die seine Hörer ge- cheint Gellerts Hörerkreis weder nach ' icnsetzung beeinflusst worden zu sein, ion und Ziethen gleichzeitig Heilung llerts Kolleg Preussen *'^), Sachsen und ium vereint, friedlich nebeneinander, i Brüder in der Feldschlacht gegenüber- .hwer sein, zu sagen, welche Art von Hl besonders gern gehört hat; vielleicht •r latte Schüler aus allen vier Fakultäten. Ihren der akademischen Jugend, welche Prediger, Rechtsgeltiii', "Weltweise, Schullehrer, Hofmeister oder gar Staatsleute weieu wollten, das Herz zu bilden gesucht", berichtet eine Gelegcueitsschrift, die bald nach seinem Tode erschien^"). Zog ei]; aswärtiger Student nach Leipzig, so kam das Gespräch unwiHkilich auf Geliert, und man liess dem Fremdling keine Ruiie bis er diesen gehört hatte ^').
Neben den e^' 'chen akademischen Bürgern hatte aber Geliert vorübergei u-L aus andern Schichten des gebildeten
Publikums Besuch ner Vorlesungen. Oft kamen ,.bejahrte, angesehene und g. :e Männer" bei ihrer Durchreise durch Leipzig in seinen Hursal^*) — so z. B. der kaiserliche Gesandte Freiherr von Widman — , um mehrere moralische Vorlesungen zu hören. Während es Krieges aber fanden sich in ihnen nicht selten so viele -ffiziere ein, als wenn der Hörsaal das Vorzimmer eines Geu-als wäre. Im Dezember 1758 waren die militärischen Besuchebesonders zahlreich. Zwölf Offiziere vom
^"^-t:
«) IX, ep. 3nfi. Herren von Raben. - Revenklau X, ep. 403, 4 nant Mourier und Herr gelegentlich den Yorv ihm besonders empfnli richte; s. Goethe a.
4^) Christian G nach Leipzig gekomi
*6) Noch ein A' fessor Gellerts. Lei] Der vortreffliche Ch;i
*■') EmpfindiuiL' alten Tröster, von d' roher Knabe von e einen durchreisen
*8) IX, ep. 21 Huber, Lobschrift, wenn sie durch Lei sicherten, dass
Schulin, zwei Grafen Moltke, Graf Scheel, zwei ere dänische Hörer Gellerts: Die beiden Grafen 41.5. — Herr von Dunkan IX, ep. 289. — Leut- chönheiter X, ep. 374. — Mau machte Geliert dass er die vornehmen und reichen Dänen, die ■areu, besser als die übrigen Studierenden unter- 7. Buch, bei Hempel XXI, S. 76. liürfte kurz nach dem Hubertusburger Frieden ■in.
II den Schriften bey dem Tode des Herrn Pro- 70. Sä^^- Dies wird JiriflÜit in der Schrift:
g 1770, S. 50.
n^^^^HJ^BiS, t"). 'J.^^^^^^^K.s doch euren
einmal ein
rieht über
S. 76.
50.—
tionen,
.e ver-
— 24 —
akademischer Lehrer religiöse Dienste leisten. Von der Über- zeugung ausgehend, dass es auch für die Frömmigkeit und Tugend glückliche Umwege zum menschlichen Herzen gebe, setzte er sich vor, den Geschmack seiner Hörer auf eine solche Art zu bilden, dass sie überzeugt würden, die Frömmigkeit erhöhe und veredle die Vergnügungen eines feinen Geschmacks '^■^). Im Jahre 1751 übernahm er fast auf Drängen der Regierung — denn er hielt sich bei seiner Kränklichkeit nicht für befähigt, ein staat- liches Amt zu verwalten — eine ausserordentliche Professur an der philosophischen Fakultät. Zu seinen Vorlesungen über die Theorie der schönen Wissenschaften, über Poesie und Beredsam- keit'^"), seinen praktischen Stilübuugeu und den Vorlesungen zur Ausbildung von Hofmeistern -^'j kamen später solche über die Sittenlehre hinzu. Anfangs erklärte er mehrmals Fordyces Moral, „die ihm vorzüglich gefiel, weil dieser Schriftsteller die Sittenlehre nach Hutchesons Grundsätzen aus der Empfindung des Guten und Schönen in der Jugend herleitete'" ""*); später ar- beitete er eigene Vorlesungen aus, in denen er freilich kein eignes moralphilosophisches System entwickelte, sondern sich eklektisch an verschiedene neuere Moralphilosophen anlehnte'^'O. Diese Vorlesungen wurden bis zu Gellerts Tode eifrig besucht. Gramer berichtet in der Biographie seines Freundes**^), derselbe habe in den Vorlesungen über die Sittenlehre oft vier- hundert und mehr Zuhörer gehabt: ein glaubwürdiges, mit Goethes Bericht ^^) übereinstimmendes Zeugnis, bei welchem noch erwogen sein will, dass die Leipziger Universität damals nicht so viel Studierende zählte, als in der Gegenwart. Von demselben Gewährsmann erfahren wir'*-), dass sich damals viele adlige Hörer aus verschiedenen europäischen Ländern, namentlich aus den nordischen Kelchen, in Leipzig aufhielten und auch während des siebenjährigen Krieges dort blieben. Leipzig war die vornehme Universität und Gellerts Persönlichkeit steigerte ihre Anziehungskraft. Selbst aus Livland kamen die Studenten ^^),
3') Gramer a. a. 0. X, S. 189.
3ö) Geliert legte seinen Kollegien über die schönen Wissenschaften gewisse Bücher zu Grunde, darunter Stockhausens Bibliothek der schönen Wissenschaften, was man wissen muss, um Goethes Bericht zu verstehen, er habe Gellerts Litterargeschichte über Stockhausen gehört (Dichtung und Wahrheit, 6. Buch; bei Hempel XXI, S. 32).
3') Der vortreffliche Charakter des Herrn Professor Gellerts. S. 28.
38) Gramer a. a. 0. X, S. 232.
39) Franz Muncker in Kürschners Nationallitteratur 43. Bd. S. 14 nennt ausser Hutcheson und Fordjce: Mosheim, Baumgarten, Crusius, Je- rusalem. — Vgl. auch die Aufzählung VI, 176 ff. MV'^.
*0) A. a. 0. X, 155 ff. 235.
*i) Dichtung und Wahrheit, 7. Buch; bei Hempel XXI, S. 76.
*^) Gramer a. a. 0. S. 232.
*3) Z. B. der Sohn der Frau v. Campenhausen in Eiga, VIII, ep. 154.
besonders zalilreicli aber aus Däuemark. In einem Briefe an den Gebeimrat und Minister von Bernstorff erwäbnt Geliert böcbst lobend sechs dänische Kavaliere, die seine Hörer ge- wesen ^^). Vom Krieg scheint Gellerts Hörerkreis weder nach Zahl noch nach Zusammensetzung beeinflusst worden zu sein. Wie im Karlsbade Laudon und Ziethen gleichzeitig Heilung suchten, so sassen in Gellerts Kolleg Preussen *■'), Sachsen und Österreicher, zum Studium vereint, friedlich nebeneinander, während sich Väter und Brüder in der Feldschlacht gegenüber- standen. — Es würde schwer sein, zu sagen, welche Art von Studierenden bei Geliert besonders gern gehört hat; vielleicht die Theologen ; aber er hatte Schüler aus allen vier Fakultäten. „Er hat durch seine Lehren der akademischen Jugend, welche Prediger, Kechtsgelehrte , Weltweise, Schullehrer, Hofmeister oder gar Staatsleute werden wollten, das Herz zu bilden gesucht", berichtet eine Gelegenheitsschrift, die bald nach seinem Tode erschien**'). Zog ein auswärtiger Student nach Leipzig, so kam das Gespräch unwillkürlich auf Geliert, und man liess dem Fremdling keine Ruhe, bis er diesen gehört hatte*").
Neben den eigentlichen akademischen Bürgern hatte aber Geliert vorübergehend auch aus andern Schichten des gebildeten Publikums Besucher seiner Vorlesungen, Oft kamen „bejahrte, angesehene und gelehrte Männer" bei ihrer Durchreise durch Leipzig in seinen Hörsaal*-) — so z. B. der kaiserliche Gesandte Freiherr von Widmann — , um mehrere moralische Vorlesungen zu hören. Während des Krieges aber fanden sich in ihnen nicht selten so viele Offiziere ein, als wenn der Hörsaal das Vorzimmer eines Generals wäre. Im Dezember 1758 waren die militärischen Besuche besonders zahlreich. Zwölf Offiziere vom
**) IX, ep. 309. Graf SchuJin, zwei Grafen Moltke, Graf Scheel, zwei Herren von Raben. — Andere dänische Hörer Gellerts: Die beiden Grafen Eevenklau X, ep. 403, 405, 415. — Herr von Dunkan IX, ep. 289. — Leut- nant Mourier und Herr Schönheiter X, ep. 374. — Man machte Geliert gelegentlich den Vorwurf, dass er die vornehmen und reichen Dänen, die ihm besonders empfohlen waren, besser als die übrigen Studierenden unter- richte; s. Goethe a. a. 0. 7. Buch, bei Hempel XXI, S. 76.
•*5) Christian Garve dürfte kurz nach dem Hubertusburger Frieden nach Leipzig gekommen sein.
*ß) Noch ein Wort zu den Schriften be_y dem Tode des Herrn Pro- fessor Gellerts. Leipzig 1770. S. 5. — Dies wird bestätigt in der Schrift; Der vortreffliche Charakter des Herrn Professor Gellerts. Leipzig 1770, S. 50.
*'') Empfindungen eines Ausländers, S. 21. ,,Ich muss doch euren alten Tröster, von dem ihr soviel Wesens macht, hören", sprach einmal ein roher Knabe von einer fremden Akademie. — Vgl. Goethes Bericht über einen durchreisenden Franzosen, a. a. 0. 7. Buch, bei Hempel XXI, S. 76.
*8) IX, ep. 214 und 217. — Der vortreffliche Charakter etc. S. 50. — Huber, Lobschrift, S. 46 f.: „Die vornehmsten Reisenden aller Nationen, wenn sie durch Leipzig gingen, waren begierig, ihn zu sehen, und alle ver- sicherten, dass seine Person seinen Schriften entspräche."
— 26 —
Corps des Grafen Dohna, und bald darauf sämtliche Oberoffiziere und ein Feldprediger des Bewerschen Regiments wohnten den Vorlesungen bei^^). Auch der junge sächsische Kurfürst Friedrich August (der spätere .,Gerechte") hörte Geliert während der Jahre 1765—69 mehrmals"^").
So sind die Voraussetzungen aufgezeigt, unter denen Gellerts religiöses Wirken zu stände kam. Im folgenden wird der Ver- such gemacht werden, dasselbe nach Umfang und Inhalt in der Weise darzustellen, dass zuerst der Wirksamkeit auf grössere Kreise gedacht wird, die Geliert vom akademischen Lehrstuhl herab und durch seine Schriften entfaltete; ein weiterer Teil geht auf die religiöse Thätigkeit ein, die Geliert besonders im persönlichen Gespräch oder durch seine Briefe einzelnen gegen- über ausübte.
Die nächste Stätte seiner religiösen W^irksamkeit war der Hörsaal. — Welche Vorlesungen Geliert gehalten, ist schon gezeigt worden. Alle aber mussten seinen religiösen Absichten dienen. In erster Linie natürlich die über die Moral. Er be- merkt von ihnen in der Vorerinuerung, er wolle seineu Lesern die Sittenlehre vornehmlich von der Seite zeigen, „wo sie das Herz rührt, bildet und ausbessert", und fügt am Schluss den Wunsch hinzu, die Vorträge möchten ..auf mehr als ein Leben heilsam sein" '^^). Die religiöse Absicht lässt sich auch in den meisten der sechsundzwanzig Vorlesungen unschwer erkennen. Bei der peinlichen Gewissenhaftigkeit, mit der Geliert bei Empfehlung von Hauslehrern auf christlichen Charakter sah, lässt sich an- nehmen, dass er auch in seinen pädagogischen Vorlesungen über Hofmeisterbildung religiöse Anregungen gegeben habe. Selbst die in den Bereich der schönen Wissenschaften fallenden Vor- lesungen wusste er so einzurichten, dass sie zur Besserung des Herzens und zur Bildung der Sitten beitrugen"'-). So las er gelegentlich Briefe religiösen Inhaltes vor, welche bei ihm ein- gingen'^-^); so korrigierte er die praktischen Stilübuugen seiner Hörer gewissenhaft und fügte ihnen hier und da sittliche An- merkungen hinzu, wie Goethe berichtet*^*).
^3) Jördens Lex. S. 59. — VIII, ep. 1(54. 165. — Seh. ep. 30: „Die Offiziere von der Garde beehren mich mit ihrem Besuche "
^) Cramer, a. a. 0. S. 251. — Er hörte Geliert viermal, V, 147. 187. 215. 218, darunter dreimal über moralische Themen.
51) VI, 9 imd 12.
62) Cramer, a. a. 0. X, S. 214 und 232.
53) Vgl. die Beilage zu Seh. ep. 25 v. 14. Dezbr. 1759: Geliert hat in dem Kolleg, wo er von den Briefen redet, das wohlgelungene Schreiben eines Leutnants vorgelesen, der gewissermassen aus Religiosität zu einem Duell gekommen war. Er schreibt dem Offizier hierüber: „Sie sind durch Ihren Brief und durch Ihr Beispiel vielleicht vielen jungen Leuten ein un- vergesslicher Lehrer geworden."
54) Siehe bei Hempel XXI, S. 40.
— 27 —
Dass sich mit der Gelehrsamkeit die Frömmigkeit verbinden müsse, ist ein Hauptgedanke Gellerts. In der Vorerinnerung zu seinen moralischen Vorlesungen wendet er sich an jeden ein- zelnen seiner Zuhörer: ..Die Gelehrsamkeit ist Dein Beruf auf der Akademie. Ein wichtiger Beruf! Aber wisse, dass Gelehr- samkeit ohne Tugend, dass Verstand ohne ein gebessertes Herz, dass Wissenschaft und Geschmack ohne Unschuld und Frömmig- keit weder für Dich noch die Welt Glück sei, nicht Ehre, son- dern Schande für Deinen unsterblichen Geist ■^•■^)." Ähnlich lässt er in einer für angehende Studierende berechneten Schrift einen Vater zum Sohne sagen •^")- «Du kannst gelehrt werden, ohne fromm und tugendhaft zu sein; aber wisse, dass ein Gelehrter ohne Frömmigkeit und Tugend das elendeste und verächtlichste Geschöpf ist." — Als sehr wichtig erschien es Geliert auch, seine Hörer wiederholt daran zu erinnern, dass die Moral der Vernunft, die er ja zunächst vorzutragen hatte, zwar mancherlei wertvolle Erkenntnisse aufweise, aber nun und nimmer zureichend sei, das verdorbene Herz umzuändern, daher tief unter der Moral der (christlichen) Religion stehe-'*'). Zwar hat — dies wird zugestanden — die Moral der Vernunft Fortschritte gemacht; aber die Vorzüge der heutigen philosophischen Moral, mit denen sich die Philosophen schmeicheln, sind den unbemerkten Ein- wirkungen der christlichen Religion zu verdanken -^^j. Es ver- hält sich die Moral der Vernunft zur christlichen Moral wie die natürliche Religion zur geoffenbarten. Der Vorzug der letzteren besteht darin, dass uns die heilige Schrift und insonderheit das Evangelium von den verschiedenen Verhältnissen, in welchen wir gegen Gott als unsern Schöpfer, Erhalter, Erlöser und Bei- stand in unserm Laufe nach Vollkommenheit stehen, völlig unterrichtet •^^).
Bei der hohen Achtung Gellerts gegenüber der christlichen Religion sollte man erwarten, dass er sich häufig in die christ- liche Heilslehre mit ihren Geheimnissen forschend versenken würde. Aber wie in den schriftstellerischen Werken Gellerts, was schon festgestellt wurde, so findet sich auch in seinen Vor- lesungen ein Eingehen auf die eigentlichen Heilsthaten und Heilslehren selten. Meist werden dieselben nur gestreift, wie da, wo er im Bemühen, das natürliche Streben der Studie- renden nach Ruhm und Ehre mit christlichem Geiste zu erfüllen,
55) VI, 11.
56) V, K39 und 176.
57) S. die Vorerinnerung VI, 11 und VI, 06 MV^
58) VI, 53. 54. 55. ^ ^^
5») VII. 179MV-e; ein Gedanke, den Geliert aus...,Squire, Stratbare Gleichgültigkeit in der Religion" entnommen hat. (Ubers. v. Zollikofer S. 227 f.)
mbL
— 28 —
ihnen zu bedenken giebt: „Der höchste Ruhm ist die Ehre eines wahren Christen, die ihm die Religion erteilt, wenn er mit heiliger Zuversicht von sich denken und sagen kann:
Des Sohnes Eigentum,
Durch ihn des ew'gen Lebens Erbe,
Dies bin ich; und das ist mein Ruhm,
Auf den ich leb' und sterbe*^")." Statt der Heilslehren stand bei Geliert anderes im Vorder- grunde des Interesses. Wir begegnen in seinen moralischen Vorlesungen einer Menge einzelner religiöser Vorschriften, wie man zur christlichen Tugend gelangen könne. Die Hörer Gellerts werden aufgefordert zu Vertrauen auf Gott, zu Ergebung in seine Wege. Hierzu werden ihnen praktische Regeln gegeben, dass sie jeden Tag mit Gebet anfangen '^^) und des Abends mit sorg- fältiger Selbstprüfung ihrer Gedanken und Thaten beschliessen sollen*'-). Aus der denkend betrachteten Natur sollen sie er- kennen, wie mächtig, liebreich und heilig Gott sei. Zu dem- selben Zwecke sollen sie über die Verteilung des Pflanzenwachs- tums auf die einzelnen Jahreszeiten, über den Nutzen der Berge, über die Zweckmässigkeit der Erddrehung und über die Wunder des gestirnten Himmels nachdenken '^■^).
Als gute Beförderungsmittel der Tugend empfahl Geliert seinen Hörern auch eine grössere Auswahl solcher Werke, in denen „sich das Licht der Religion mit dem Lichte der Ver- nunft vereinigt", die also Verstand und Herz zugleich bilden *'*). Darunter nennt er neben den Kompendien der Sittenlehre solche Bücher, die zur Verehrung Gottes aus der Natur führen, ferner moralische Wochenblätter und Gedichte; vor allem aber pries er die heilige Schrift mit edler Beredsamkeit. Sein aufrichtiges Geständnis, wie viel er ihr während (der fünfzig Jahre) seines Lebens verdanke, wie sie ihm in glücklichen und in bösen Tagen und selbst an der Pforte des Todes geholfen habe, macht, auch nur gelesen, rhetorisch und inhaltlich einen tiefen Ein- druck ^'^).
Wiederholt nahm er auch Veranlassung, das Studium der schönen Wissenschaften zu empfehlen, weil dasselbe einen mittel-
60) VI, 200 MVi* und VI, 271 MYi5.
61) Y^ iQi) Lehren eines Vaters, der seinen Sohn auf die Akademie schickt. — VI, 181 MVio.
62) V, 176. Lehren eines Vaters etc.
63) VII, 20 if. MV*^. — Es liegt dieselbe Vermischung natürlicher und geoffenbarter Religion vor, die uns in seinen Liedern so auffällig ent- gegentritt.
64) Viele englische Schriften von Huteheson und Fordyce, sowie von Richard Lucas, Sam. Squire, Law, Doddridge, Derham, Hervey, Young, Thomson u. a. S. VI, 175 ff. MV».
6äj Es findet sich VI, 191—192 MVi»,
>&*»^
k .'-■
Jäte
nr-m:
-^=*^
%v ■, w
— 29 —
baren Einfluss auf den Charakter ausübe. Der gute Geschmack nämlich, durch diese Beschäftigung erweckt, werde uns durch den Gebrauch so natürlich, dass wir ihm nicht allein in unsern Schriften, sondern auch in unsern Gesprächen und Handlungen folgen"^')- Die künftigen Theologen aber mahnte Geliert ausser- dem zur Deutlichkeit, Ordnung und Anmut in dem Gebrauch der Muttersprache. „Glauben wir, dass es der Eeligion und der Tugend gleichgültig ist, ob wir dunkel oder hell, gründlich oder abenteuerlich, ordentlich oder verwirrt ihre Lehren vortragen, ob wir von den heiligsten Wahrheiten in einer elenden, ge- zwungenen, niederträchtigen oder in einer reinen, natürlichen und edlen Sprache reden ^")?" Aus falschen Begriffen von Gott aber ,.müssen falsche Grundsätze in die Moral übergehen"*^*).
Wenn Goethe in den Frankfurter gelehrten Anzeigen vom Jahre 1771 schreibt"^): „An Geliert, die Tugend und die Re- ligion glauben ist bei unserm Publiko beinahe eins", so werden hierdurch ganz richtig Tugend und Religion als in Geliert eng verbunden bezeichnet. Es kommt aber noch ein Drittes hinzu. Die Tugend wird von ihm erklärt als „der von Vernunft und Gewissen erzeugte lebendige Vorsatz, überall ohne Ausnahme der göttlichen Bestimmung gemäss zu handeln" ''*). Wer diese Tugend ausübt, erfüllt seine Pflicht. Das Pflichtbewusstsein ist es nun, welches bei Geliert recht eigentlich im Mittelpunkte seines inneren Lebens steht und welches er auch vom Lehrstuhl herab in seinen Hörern zu stärken suchte. Wie er in der Schrift, die er als Wegweiser für die studierende Jugend schrieb, den Vater zu seinem Sohne sagen lässt'M: „Wir können und sollen die Wissenschaften aus eben der Absicht treiben, aus der wir beten oder ein Werk der Liebe ausüben, aus der grossen und auf Gott gerichteten Absicht, unsere Pflicht zu erfüllen", so hören
^) V, 67 iu der Rede vom Eiuflusse der schönen Wissenschaften auf das Herz und auf die Sitten. — Ausserdem ausführlich VII, 17 MV^: „Die guten und nützlichen Werke der Poesie, Beredsamkeit, Malerei, Bild- hauerkunst..erfüllen unsern Geist mit dem Begriff des Schönen, der Ord- nung, der Übereinstimmung und des Anstaudes. Unser Geist lernt diesen unvermerkt auf die Sitten und das äussere Betragen anwenden, vermöge der allgemeinen Regel der Natur, alles zu entfernen, was uns missfällt,
und alles das anzunehmen, was gefäUt Sollte nichts von den edlen,
liebreichen und grossmutigen Empfindungen, welche die Werke der Künste ausdrücken, in unser Herz übergehn? Sollten wir immer die Strahlen der Sonne fühlen und nicht erwärmet werden?"
^') V, 112. Von den Fehlern der Studierenden bei der Erlernung der Wissenschaften.
ß^) VI, 49 MV3. — Vgl. die Vorrede zu den geistlichen Liedern und Oden. II, 70 f.
69) Hempelsche Ausgabe XXIX, S. 13.
"0) VII, 38 MV18.
'1) V, 167. Lehren eines Vaters für seinen Sohn, den er auf die Aka- demie schickt.
I.W
i .:.«■::«,
^.-■^:.
^^^ ,_.;•#-
— 28 —
ihnen zu bedenken giebt: „Der höchste Kuhm ist die Ehre eines wahren Christen, die ihm die Religion erteilt, wenn er mit heiliger Zuversicht von sich denken und sagen kann:
Des Sohnes Eigentum,
Durch ihn des ew'gen Lebens Erbe,
Dies bin ich; und das ist mein Ruhm,
Auf den ich leb' und sterbe'^'')/' Statt der Heilslehren stand bei Geliert anderes im Vorder- grunde des Interesses. Wir begegnen in seinen moralischen Vorlesungen einer Menge einzelner religiöser Vorschriften, wie man zur christlichen Tugend gelangen könne. Die Hörer Gellerts werden aufgefordert zu Vertrauen auf Gott, zu Ergebung in seine Wege. Hierzu werden ihnen praktische Regeln gegeben, dass sie jeden Tag mit Gebet anfangen''') und des Abends mit sorg- fältiger Selbstprüfung ihrer Gedanken und Thaten beschliessen sollen ''-). Aus der denkend betrachteten Natur sollen sie er- kennen, wie mächtig, liebreich und heilig Gott sei. Zu dem- selben Zwecke sollen sie über die Verteilung des Pflanzenwachs- tums auf die einzelnen Jahreszeiten, über den Nutzen der Berge, über die Zweckmässigkeit der Erddrehung und über die Wunder des gestirnten Himmels nachdenken '^^).
Als gute Beförderungsmittel der Tugend empfahl Geliert seinen Hörern auch eine grössere Auswahl solcher Werke, in denen „sich das Licht der Religion mit dem Lichte der Ver- nunft vereinigt", die also Verstand und Herz zugleich bilden***). Darunter nennt er neben den Kompendien der Sittenlehre solche Bücher, die zur Verehrung Gottes aus der Natur führen, ferner moralische Wochenblätter und Gedichte; vor allem aber pries er die heilige Schrift mit edler Beredsamkeit. Sein aufrichtiges Geständnis, wie viel er ihr während (der fünfzig Jahre) seines Lebens verdanke, wie sie ihm in glücklichen und in bösen Tagen und selbst an der Pforte des Todes geholfen habe, macht, auch nur gelesen, rhetorisch und inhaltlich einen tiefen Ein- druck '^^).
Wiederholt nahm er auch Veranlassung, das Studium der schönen Wissenschaften zu empfehlen, weil dasselbe einen mittel-
60) VI, 2G0 MV« und VI, 271 MVi5.
6ij V, 169. Lehren eines Vaters, der seinen Sohn auf die Akademie schickt. — VI, 181 MV»o.
62) V, 176. Lehren eines Vaters etc.
63) VII, 20 flf. MVi". — Es liegt dieselbe Vermischung natürlicher und geoffenbarter Religion vor, die uns in seineu Liedern so auffällig ent- gegentritt.
6^) Viele englische Schriften von Hutchesou und Fordyce, sowie von Eichard Lucas, Sam. Squire, Law, Doddridge, Derham, Hervey, Young, Thomson u. a. S. VI, 175 ff. MV».
65) Es findet sich VI, 191—192 MVi».
— 29 —
baren Einfluss auf den Charakter ausübe. Der gute Geschmack nämlich, durch diese Beschäftigung erweckt, werde uns durch den Gebrauch so natürlich, dass wir ihm nicht allein in unsern Schriften, sondern auch in unsern Gesprächen und Handlungen folgen*^'''). Die künftigen Theologen aber mahnte Geliert ausser- dem zur Deutlichkeit, Ordnung und Anmut in dem Gebrauch der Muttersprache. „Glauben wir, dass es der Religion und der Tugend gleichgültig ist, ob wir dunkel oder hell, gründlich oder abenteuerlich, ordentlich oder verwirrt ihre Lehren vortragen, ob wir von den heiligsten Wahrheiten in einer elenden, ge- zwungenen, niederträchtigen oder in einer reinen, natürlichen und edlen Sprache reden '^')?" Aus falschen Begriffen von Gott aber ..müssen falsche Grundsätze in die Moral übergehen"*^*).
Wenn Goethe in den Frankfurter gelehrten Anzeigen vom Jahre 1771 schreibt*'^): „An Geliert, die Tugend und die Re- ligion glauben ist bei unserm Publiko beinahe eins", so werden hierdurch ganz richtig Tugend und Religion als in Geliert eng verbunden bezeichnet. Es kommt aber noch ein Drittes hinzu. Die Tugend wird von ihm erklärt als „der von Vernunft und Gewissen erzeugte lebendige Vorsatz, überall ohne Ausnahme der göttlichen Bestimmung gemäss zu handeln" '''). Wer diese Tugend ausübt, erfüllt seine Pflicht. Das Pflichtbewusstsein ist es nun, welches bei Geliert recht eigentlich im Mittelpunkte seines inneren Lebens steht und welches er auch vom Lehrstuhl herab in seinen Hörern zu stärken suchte. Wie er in der Schrift, die er als Wegweiser für die studierende Jugend schrieb, den Vater zu seinem Sohne sagen lässt'M: „Wir können und sollen die Wissenschaften aus eben der Absicht treiben, aus der wir beten oder ein Werk der Liebe ausüben, aus der grossen und auf Gott gerichteten Absicht, unsere Pflicht zu erfüllen", so hören
^) V, 67 in der Rede vom Einflüsse der schönen Wissenschaften auf das Herz und auf die Sitten. — Ausserdem ausführlich VII, 17 MV'S; „Die guten und nützlichen Werke der Poesie, Beredsamkeit, Malerei, Bild- hauerkunst.erfüllen unsern Geist mit dem Begriflf des Schönen, der Ord- nung, der Übereinstimmung und des Anstandes. Unser Geist lernt diesen unvermerkt auf die Sitten und das äussere Betragen anwenden, vermöge der allgemeinen Regel der Natur, alles zu entfernen, was uns missfällt,
und alles das auzunehmen, was gefällt Sollte nichts von den edlen,
liebreichen und grossmütigen Empfindungen, welche die Werke der Künste ausdrücken, in unser Herz übergehn? Sollten wir immer die Strahlen der Sonne fühlen und nicht erwärmet werden?"
'^') V, 112. Von den Fehlern der Studierenden bei der Erlernung der Wissenschaften.
ß*) VI, 49 MV3. — Vgl. die Vorrede zu den geistlichen Liedern und Oden. II, 70 f.
f'9) Hempelsche Ausgabe XXIX, S. 13.
'0) VII, 38 MV 18.
'1) V, 107. Lehren eines Vaters für seinen Sohn, den er auf die Aka- demie schickt.
wir auch in seinen Vorl- ständigen Ausüb .. den ersten Hil: . falls äie zur Tugei. 1) „Bemühe Dich, Erkenntnis Deiner i mühung, Deine Pfli die erlangte Erken kenntnis Deiner P*^' an, bereite Dich z- am Ende desselben aber las Geliert im .> wahre Würde des Mensch« Pflichten bestehe ''•)."
Gar eindringlich ytl^ Gefahren zu warnen, u-i vor Trunksucht. Si !r!v,:r 1768 grössere " der akademischeil • Kede vor Tumulten sich auf das r<" Ideal eines chri wolle sich gewöhnlichen^ entfernen zu
Ebenso Geltung sei] der in Litt« warnen. Si leiten lass( „Das Ansi eines Mai in Geselli wir nichi zend in immer ei gleich el führen h
JO
■ngen, dass uns das Leben zur be- Pflicht gegeben sei'-), und unter
ijellert seinen Hörern empfiehlt,
wollen, sind folgende drei Regeln: ^iche, gründliche und voUstän'üge /u erlangen." 2) ,.Setze die Be- ; rnnen, sorgfaltig fort und bewahre
Irrtümern." 3) -Wende die Er- .:ändig auf Dein Herz und Leben 1 age weislich vor und prüfe Dich
• — Vor dem jungen Kurfürsten
1767 über das Thema: „Dass die
in der genauen Beobachtung seiner
te Geliert seine Sti
1 sie in : f'nkeusc
Tote «*■'#■
r.
-2, \\
T3)
dem Kurfi Ehre best^ Staud, uu(
- s ett-
") i
■■t■^^ ■«.
aL::_a:\:.-.<i-;-^v'^o:
31
mtt%
stellte er dies als Zeichen schrecklich' sondern sie sollen Gott ehren, wenn möt;-, In einer Zeit lebend, da der cl als allgemein anerkannte Wahrheit _ anlassung, auch vom Katheder hei teidigen, und er hat dies in so reich > Apologetik wohl Gegenstand einer werden könnte. Bei der bescheider sich und seinen Vorlesungen dachte die Lektüre einer Reihe apologetisc er bemüht, der akademischen Jugej. Thorheit sei, ein Christ zu sein. I» Vorzüge vor dem Ungläubigen: Mä Elend, vor allem ein ruhiges Gewisse j gegen die Mitmenschen -^). Das i. ird bei diesen Darlegungen oft ie Sirach illustriert. Der vortn-ti auf dem grossen Vorzug sein Sittenlehre. Kein Mittel die Furcht des Todes, leu stürmischen Leidens» id in Ewigkeit glii du aber eine >Si; ätliche, .,so veraeil iht von Gott, W( zur Glückseligkr md wird der ehr: Angemessenes i stellt. Veruünt: )en, da sie der igsten erklärt "^ pflicht der ^\-l [er Tugend und )hischen Mor ' rott erkenne; teichtum dei Neigung - Iftigen, sondern •
daukenarmut hin "^) — , auch durch ihre Poesie "^^j. iche Glaube nicht mehr hatte Geliert alle Ver- ,die Religion" zu ver- lasse gethan, dass seine sonderen Untersuchung Demut, mit der er von :pfahl er seineu Hörern khriften^"). Dazu war / zeigen, dass es keine ■der Christ besitze grosse ieit im Glück, Trost im izu auch Freundlichkeit .1 christlicher Sittlichkeit iih Bibelworte aus dem 3 Charakter des Christen eligion gegenüber jeder n besser das Schrecken " Gerichts der Ewigkeit ifen, von Stolz und Eigen- 1 machen, als ,.die Re- hre finden, die Besseres e (^christliche) Religion; lOch ein besseres Mittel .1 bringen"^-). t he Glaube als etwas der darum auch allgemein st es, nach den Gütern . der letzte Auftritt des Für den Christen ist es imft, wenn eine nähere nseres Glückes vorhanden sie dankbar zu verehren n grossen Beweis seines ur vor sich ausgebreitet _-i ihn fühlen, ist kein i?s verworfenen Geistes ^^).
Charakter des X, S. 220. -
H. r i'rofessor Geliert .... S. 69 ff. W^.t« Warnunar vor Freiifeisterei
s. auch VI, 1S2 f T^. Iitiuiifeu über die 1 n.
^ . t. ..
— VII. 174 MV-^
— 30 —
wir auch in seinen Vorlesungen, dass uns das Leben zur be- ständigen Ausübung unserer Pflicht gegeben sei^"-j, und unter den ersten Hilfsmitteln, die Geliert seinen Hörern empfiehlt, falls sie zur Tugend gelangen wollen, sind folgende drei Regeln: 1) „Bemühe Dich, eine deutliche, gründliche und vollständige Erkenntnis Deiner Pflichten zu erlangen." 2) „Setze die Be- mühung, Deine Pflicht zu erkennen, sorgfältig fort und bewahre die erlangte Erkenntnis vor Irrtümern." 3) „Wende die Er- kenntnis Deiner Pflichten beständig auf Dein Herz und Leben an, bereite Dich zu jedem Tage weislich vor . und prüfe Dich am Ende desselben sorgfältig." — Vor dem jungen Kurfürsten aber las Geliert im Oktober 1767 über das Thema: „Dass die wahre Würde des Menschen in der genauen Beobachtung seiner Pflichten bestehe '•')."
Gar eindringlich pflegte Geliert seine Studenten vor den Gefahren zu warnen, denen sie in Leipzig ausgesetzt waren, vor Trunksucht, Spielwut und LTnkeuschheit '*). Als im September 1768 grössere Studentenuuruhen ausbrachen, wurde Geliert von der akademischen Obrigkeit dazu veranlasst, in einer öffentlichen Eede vor Tumulten zu warnen. Mit heiligem Ernste berief er sich auf das religiöse Gefühl seiner Hörer, stellte ihnen das Ideal eines christlichen Studenten vor Augen, sagte ihnen, er wolle sich seinem Kurfürsten zu Füssen werfen und statt der gewöhnlichen Gnade die Ungnade erbitten, sich weit von Leipzig entfernen zu dürfen "'■').
Ebenso setzte Geliert alle Kraft des Ausdrucks und alle Geltung seiner Person bei den Studierenden ein, um sie vor der in Litteratur und Gesellschaft auftretenden Freigeisterei zu warnen. Sie sollen sich nicht durch gebildete Ungläubige ver- leiten lassen, die Sprache eines „starken Geistes" '") anzunehmen. „Das Ansehen eines sonst gelehrten und scharfsinnigen Mannes, eines Mannes von feiner Lebensart, der angenehm und gesucht in Gesellschaft ist, dem viele gehorchen müssen, dessen Schutz wir nicht entbehren können, macht seinen Unglauben oft glän- zend in uusern Augen ; und der Freigeist im Ordeusbande lehrt immer eindringender, als der im Schulrocke, ob sie schon beide gleich elend lehren"^')." Nie sollen sich Gellerts Hörer ver- führen lassen, Spötter der Religion zu werden — gar wirksam
72) YI, 46 MY2.
■73) Die drei Regelu fiudeu sich VI, 104 ff. MV^ die Vorlesung vor dem Kurfürsten V, 215. — Ausserdem vgl. VI, 254 MV^*: „Unsere wahre Ehre besteht .... darinnen, dass wir uusern pflichtmässigen Beruf, unsern Stand, unser nützliches Gewerbe mit Eifer und Treue beobachten.''
'^^) VI,224MVi-. — VII, 49 MVis. _ V, 174 Lehren eines Vaters etc.
75) X, ep. 444. — Cramer a. a. 0. X, S. 253.
7C) X, ep. 433.
") VI, 61—62 MV3.
— 31 -
stellte er dies als Zeichen schrecklicher Gedankenarmut hin "^) — , sondern sie sollen Gott ehren, wenn möglich auch durch ihre Poesie "^).
In einer Zeit lebend, da der christliche Glaube nicht mehr als allgemein anerkannte Wahrheit galt, hatte Geliert alle Ver- anlassung, auch vom Katheder herab „die Religion" zu ver- teidigen, und er hat dies in so reichem Masse gethan, dass seine Apologetik wohl Gegenstand einer besonderen Untersuchung werden könnte. Bei der bescheidenen Demut, mit der er von sich und seinen Vorlesungen dachte, empfahl er seinen Hörern die Lektüre einer Reihe apologetischer Schriften ^"^). Dazu war er bemüht, der akademischen Jugend zu zeigen, dass es keine Thorheit sei, ein Christ zu sein. Denn der Christ besitze grosse A^orzüge vor dem Ungläubigen : Massigkeit im Glück, Trost im Elend, vor allem ein ruhiges Gewissen, dazu auch Freundlichkeit gegen die Mitmenschen ^^). Das Ideal christlicher Sittlichkeit wird bei diesen Darlegungen oft durch Bibelworte aus dem Buche Sirach illustriert. Der vortreffliche Charakter des Christen beruht auf dem grossen Vorzug seiner Religion gegenüber jeder anderen Sittenlehre. Kein Mittel kann besser das Schrecken der Laster, die Furcht des Todes, des Gerichts der Ewigkeit stillen, von den stürmischen Leidenschaften, von Stolz und Eigen- liebe befreien und in Ewigkeit glücklich machen, als „die Re- ligion". Solltest du aber eine Sittenlehre finden, die Besseres leistet als die christliche, ,,so verachte die (christliche) Religion; sie ist gewiss nicht von Gott, wenn noch ein besseres Mittel vorhanden ist, uns zur Glückseligkeit zu bringen"'^-).
Dementsprechend wird der christliche Glaube als etwas der Vernunft durchaus Angemessenes und darum auch allgemein Verbindendes dargestellt. Vernünftig ist es, nach den Gütern des Herzens zu streben, da sie der Tod, der letzte Auftritt des Lebens, für die würdigsten erklärt^-'). Für den Christen ist es geradezu eine Hauptpflicht der Vernunft, wenn eine nähere göttliche Entdeckung der Tugend und unseres Glückes vorhanden ist als in der philosophischen Moral, sie dankbar zu verehren und anzunehmend^). Gott erkennen, den grossen Beweis seines Daseins, den ganzen Reichtum der Natur vor sich ausgebreitet sehen und doch keine Neigung gegen ihn fühlen, ist kein Charakter eines vernünftigen, sondern eines verworfenen Geistes *^).
^8) Der vortreffliche Charakter des Herrn Professor Geliert .... S. 69 ff. ™) Gramer, a. a. 0. X, S. 220, — Weitere Warmuicf vor Frei^eisterei VI, 62 MV3.
80) VI, 63 MV», — s. auch VI, 182 f. MVi».
81) VII, 85 MV21.
82) V, 84 Betrachtungen über die Religion.
83) VI, 28 MVi.
84) vi^ 77 MV*.
85) VI, 84 MV5. — VII, 174 MV21.
— 32 —
.^Ja. 'wenn ich auch keine unumstosslichen : i^rräfe, so
müssen mich doch schon die wahrscheinlichen ^ .... „oen an die Religion bewegen, weil es eine Pflicht der Vernnft ist, der
Wahrscheinlichkeit zu folgen, da sie mehr 'j
als das Unwahrscheinliche oder das bloss M Dies führt uns zu einer Bemerkung ü't welche Geliert den religiösen Zweifeln zu Ein eigentliches Eingehen auf dieselben lindet : werden dadurch in den Hintergrund gedrängt. . wie wir überhaupt in einer Welt voll Rätsel leben. ob man verdient, unendlich zu leben, setzt er gegen, wodurch man es überhaupt verdiene. ^ i zu leben ""'i. Auch die Unbegreiflichkeit lo Seele nach der Trennung von ihrem Körper . unruhigen: Begreifen wir wohl die Art und die Seele mit dem Körper so genau hat ver- ■ Den inneren Grund dieser Apologetik bildet di. steller Geliert oft ausgesprochene"") Über Götter, sondern beschränkte Menschen si der Ewigkeit das notiere Licht geben wird, und
^ich hat.
W
ei
Manche iiert zeigt, i.'m Zweifel, • Frage ent- \i der Erde • unserer nicht be- wie Gott :"nnen?^^ Schrift- vir nicht -: ier Tag i) sich hier auf Erden nicht unterwinden dürfen, Gott zu ergrüden.
Vielen mochte diese Art von religiöser B•i•^■ wichtigung
:e eigene
-•he Era-
in>Likt = Ge-
- ne unserer
::d Völker
.■^ ivatlebens,
.:s eine un-
erecht und
u serer Seele
nicht genügen. Ihnen gegenüber machte religiöse P^rfahrung geltend. Die allgemeli pfindung des Guten und Bösen {= moralischer wissen) ist ein herrlicher Beweis für den hobt-i Seele '••°). Die grossen Begebenheiten ganzer lassen uns ebenso wie die kleineren Ereignisse- .• wenn man sie aufmerksam betrachtet, erkennen, sichtbare Hand das Schicksal derselben weis^- iin gütig regiert^'). Die Frage der Unsterblichkei: ist von Gott durch den unbezwinglichen Wunsch nah Unsterb- lichkeit ebenfalls mit einer Deutlichkeit entschiede, die sich empfinden lässt'*-).
Es hat vor und nach Geliert Leute gegeben. lie iel geistes- mächtiger die Wahrheiten unseres christlichen tjlaubeü vertraten.
86) vu, 10 MV 16. — Vgl. fenier die Ausföhmng A S7 in den ,3etrachtungen über die Religion." *<') VII. 108 MV-'\
88) Ebenda.
89) II, 27. 150. — V w) VII, 32 MV^'. 9») VII, 92 MV^i. M) VII, 167 f. MV='
81. S3.
Man vgl. anch II. 118: ..Ich
Wunder nicht, noch ihren Lauf und Bau ergründen, Sonne Licht uud ihre Wärm' empfinden: So kann Rat des Opfers Jesu nicht ergründen, allein das G. kann mein Herz empfinden."
kan der Sonne inu ich der ien hohen ^ I That. das
wri ST
f » -.-
DftSB ibcT gen:?
_ : seines
TU mii
_t? HCrer trat.
: _. ._ '^- •^\r eine
ier Unirersitä:. n . sehr
- rr :?>en. blaoen A-^ri. . ^i«
- iien- wie ieh ihi ii gesebeü
j Auslänier bei Gellens Tode:
T^ irlnkliebe Anseh^en — ab«
iruen Waagen, die der
i-? ..r Augen, üe von fremdem
> Tcn iem «Teisie, ier im Ang«
■"m lieb haben,
ihm uni man
. Deudichkeii.
-.-- iieb in seinem
- sich liegen harte,
-- ""ll nge Ab-
' - : ..'*^ine
- warie, lass n:
ji
A- J>-
4 MV^ TU. 72 MTaC: feaer fie
_ «r^^izcr. i a- «:•: X. S. ^52 m^d M. ^ „ S-rit-Tr T :l «.Yiae^k zr-i Bra-^e als
: ? ->>^. — i>i. GrZIens EmpfrölTiaff. Eir-
— G-irllerts E>eriHi*l Ton AniTnaji S. 1-L
-t^-rns Lthrsnihl msz Hir-ien. "»vria
i'iirrt'e:. Tnri&rn T«»a A'ice- S-:« g-enaa
lÜThiXi Heizci- icssea S^hVi^ite er tnf,
i-i Effitfcirirg i-^r iseüi^tfl Sckrifr. VI,
- 32 —
„Ja, wenn ich auch keine unumstösslichen Beweise anträfe, so müssen mich doch schon die wahrscheinlichen zum Glauben an die Religion bewegen, weil es eine Pflicht der Vernunft ist, der Wahrscheinlichkeit zu folgen, da sie mehr Grund für sich hat, als das Unwahrscheinliche oder das bloss Mögliche*")-"
Dies führt uns zu einer Bemerkung über die Behandlung, welche Geliert den religiösen Zweifeln zu teil werden lässt. Ein eigentliches Eingehen auf dieselben findet nicht statt. Manche werden dadurch in den Hintergrund gedrängt, dass Geliert zeigt, wie wir überhaupt in einer Welt voll Rätsel leben. Dem Zweifel, ob man verdient, unendlich zu leben, Setzt er die Frage ent- gegen, wodurch mau es überhaupt verdiene, hier auf der Erde zu leben*'). Auch die Unbegreiflichkeit der Fortdauer unserer Seele nach der Trennung von ihrem Körper darf uns nicht be- unruhigen: Begreifen wir wohl die Art und Weise, wie Gott die Seele mit dem Körper so genau hat vereinigen können?**) Den inneren Grund dieser Apologetik bildet die auch vom Schrift- steller Geliert oft ausgesprochene *■') Überzeugung, dass wir nicht Götter, sondern beschränkte Menschen sind, denen erst der Tag der Ewigkeit das nötige Licht geben wird, und die sich hier auf Erden nicht unterwinden dürfen, Gott zu ergründen.
Vielen mochte diese Art von religiöser Beschwichtigung nicht genügen. Ihnen gegenüber machte Geliert die eigene religiöse Erfahrung geltend. Die allgemeine moralische Em- pfindung des Guten und Bösen (= moralischer Instinkt = Ge- wissen) ist ein herrlicher Beweis für den hohen Ursprung unserer Seele "°). Die grossen Begebenheiten ganzer Staaten und Völker lassen uns ebenso wie die kleineren Ereignisse des Privatlebens, wenn man sie aufmerksam betrachtet, erkennen, dass eine un- sichtbare Hand das Schicksal derselben weise und gerecht und gütig regiert^'). Die Frage der Unsterblichkeit unserer Seele ist von Gott durch den unbezwinglichen Wunsch nach Unsterb- lichkeit ebenfalls mit einer Deutlichkeit entschieden, die sich empfinden lässt^-).
Es hat vor und nach Geliert Leute gegeben, die viel geistes- mächtisfer die Wahrheiten unseres christlichen Glaubens vertraten.
»■) VII, 10 MV16. _ Vgl. ferner die Ausführung V, 87 in deu „Betrachtungen über die Religion."
87) VII, 168 MV-«.
88) Ebenda.
89) II, 27. 159. — V, 81. 83.
90) VII, 32 MVi'. 9») VII, 92 MV^i.
92) VII, 167 f. MV-c. Man vgl. auch II, 118: „Ich kann der Sonne Wunder nicht, noch ihren Lauf und Bau ergründen, und doch kann ich der Sonne Licht und ihre Wärm' empfinden: So kann mein Geist den hohen Rat des Opfers Jesu nicht ergründen, allein das Göttliche der That, das kann mein Herz empfinden."
— 33 —
Dass aber gerade er mit besonderem Erfolg diese religiöse Ein- wirkung ausüben konnte, verdankte er wesentlich mit gewissen äusseren Vorzügen seiner Person und der Liebenswürdigkeit seines Charakters. Wenn der zartgebaute Mann mit der sanften und zugleich ehrwürdigen Gesichtsbildung vor seine Hörer trat, wurden die meisten Herzen sogleich gewonnen. Er war eine charakteristische Figur an der Universität, mittelgross, sehr mager, mit Habichtsnase und grossen, blauen Augen ^=^). „Nie werde ich den Mann vergessen können, wie ich ihn da gesehen und gehört habe'S schreibt ein Ausländer bei Gellerts Tode; „dieses baußillige Gesicht, dieses kränkliche Ansehen — aber es gefiel. Man hatte es lieber als die fetten Wangen, die der Burgunder rot färbt, und lieber als die Augen, die von fremdem Feuer blitzen; so sehr ward es von dem Geiste, der im Auge wohnte, erhöht und veredelt. Man musste ihn lieb haben,
sobald man ihn sah Man vertraute sich ihm und man
ward nicht betrogen ^^)." — Anschaulichkeit^^), Deutlichkeit, Ordnung und Anmut der Sprache vereinigten sich in seinem Vortrag, den er sorgfältig ausgearbeitet vor sich liegen hatte, obgleich er nur selten auf sein Papier blickte. Unnötige Ab- schweifungen vom Thema gestattete er sich nicht. „Seine Sprache war deutlich, biegsam, aber etwas hohl und näherte sich in ihrem Tone einer gewissen Wehmut, wodurch sie so rührend, eindringend und schmelzend wurde, dass niemand dem Beweglichen, was sie hatte, widerstehen konnte '^*^)"; gelegentlich war sie auch von hohem rhetorischen Schwünge'^'). Die Jüng- linge verschlangen förmlich jedes seiner Worte ^*). — Hierzu kam seine Liebenswürdigkeit den Hörern gegenüber, die er nicht nur teuerste Kommilitonen, sondern auch teuerste Freunde, ja sogar
s»3) Huber, Lobsclirift etc. S. 44.
9*) Gramer, a. a. 0. X, S. 280. — Vgl. auch die „Empfindungen eines Ausländers bei dem Tode d. H. Prof. G."
'■'5) Z. B. VI, 74 MV*. VI, 1.54 MV^ VII, 72 MV20; ferner die moralischen Charaktere, die er ursprünglich an passenden Stellen in seine Vorlesungen einschob, — endlich Gramer, a. a. 0. X, S. 2.32 und VI, 174 MV 9, wo er seiner verstorbenen Schüler von Cronegk und ßrawe als vorbildlicher Muster gedenkt.
•«) Gramer, a. a. 0. X, S. 215. 268. — Eck, Gellerts Empfehlung. Eine Vorlesung. Den 10. Dezember 1769. — Gellerts Denkmal von Amman S. 14. „Hartherzige Krieger wischten vor Gellerts Lehrstuhl mit Händen, woran vergossenes Menschenblut noch starrte, Thränen vom Auge. So genau kannte er den Weg zum menschlichen Herzen, dessen Schwäche er traf, wenn es sich auch in die rauhsten und fürchterlichsten Aussenwerke ver- schanzt hatte."
^') Vgl. die schon erwähnte Empfehlung der heiligen Schrift, VI, 191—192 MVio.
■*) S. die „Zärtlichen Klagen eines Jünglings, geweint bei dem frühen Grabe des Herrn Professor Gellerts." Leipzig 1770.
3
— 34 —
seine Kinder, Söhne und Brüder nannte'-'^), welchen er selbst ihre Fehler auf eine angenehme Art zu sagen wusste und denen er alles Gute zutraute ^'^*). „Ein liebreiches Wesen", versichert Cramer ^°^), „war ihm so eigen, dass solches sich in seiner ganzen Physiognomie ausdrückte, auf seiner Stirn, in seinem trauernden Auge, in seinem ganzen Gesichte, in seiner ganzen Stellung. Man durfte ihn nur sehen, um ihn zu lieben, und man verlangte, wenn man ihn gesehen hatte, keinen anderen Beweis, dass er geliebt zu werden verdiente." Sein Herz schlug den Studenten liebewarm entgegen. Er halte — so versicherte er — seine Vorlesungen in erster Linie aus Neigung für ihr Glück ^*'-), und wenn er auch die meisten unter ihnen nicht kenne, so erinnere er sie doch, dass sie alle mit ihm zu der grossen Familie Gottes gehören, deren Glück ihm wert sein und um das er sich auf alle Art verdient machen solle ^""). Hierzu kam, dass Geliert nicht nur bestrebt war, die Herzen der jungen Männer zu bilden, sondern sie auch äusserlich liebenswürdiger zu machen suchte ^**^). Dies wurde ihm gewiss aufs höchste angerechnet.
Doch das Geheimnis seines religiösen AVirkens ist durch die Rücksicht auf seine äusseren Vorzüge noch nicht gelöst. Weit mehr und überhaupt am meisten wirkte Geliert an der Universität durch seine imponierende religiöse Persönlichkeit, die selbst auf rohere Naturen von Einfluss war^*^'^). Denn zur eigentümlichen, selbständigen religiösen Persönlichkeit war er herangereift trotz der Unfertigkeit seiner theologischen Ansichten, trotz der eklektischen Anlehnung an andere in seinen moralischen Vorlesungen.
Der nächste Eindruck, den man von ihm hatte, war der: „ich glaube, darum rede ich." Diesen Grundsatz sprach er selbst gelegentlich aus^^''), darüber war auch bei seinem Leben und nach seinem Tode nur eine Stimme^*''); und dieser Eindruck
^) VI, 224 MVi'-. „Ich bitte als Ihr Freund, als Ihr aufrichtiger Lehrer, als ein Vater seine Söhne bittet, und ich weiss, Sie hören die Bitten der Liebe." VI, 61 MV«. — VI, 155 MV», — V, 76. Vgl. Amman, a. a. 0. S. 15. — Auch den von der Universität Geschiedenen bewahrte er diese väterliche, herzliche Liebe. IX, ep. 307.
^^) V, 93. Von den Fehlern der Studierenden bei der Erlernung der Wissenschaften etc.
101) X, S. 223.
102) VI, 111 MV6.
103) VI, 141 MV".
104) MV 13 ist ganz der Sorge für die Wohlanständigkeit und äussere Sittsamkeit gewidmet. — Vgl. Cramer, a. a. 0. X, S. 215.
lOä) Empfindungen eines Ausländers etc., S. 21 ff.
106) VI, 190—192 MVio.
10") D. Mathesius, a. a. 0. S. 30. — Dankbares Andenken aufrichtiger Freunde u. s. w. S. 6. — Huber, Lobschrift, S. 34: „Es war unmöglich, ihn zu hören, ohne die Begierde zu fühlen, besser zu werden; denn man fand an ihm einen Mann, der von seinen Grundsätzen völlig überzeugt war."
— 35 —
musste um so Dacbhaltiger sein, als Gellerts Leben mit seiner Lehre übereinstimmte^''^). Er riet zur Bescheidenheit, warnte vor Selbstüberhebung und lehnte auch wirklich 1761 die an- gebotene ordentliche Professur ab^*'''*). Er redete vom Gesetz Gottes und von den Pflichten gegen die Eltern und ehrte seine unterstützungsbedürftige hochbetagte Mutter durch die That, empfahl Sonntagsheiligung und war selbst der eifrigste Kirch- besucher"°). . Er forderte Nächstenliebe und suchte in eigener Person hilflose Kranke auf und versorgte sie mit Brennholz für den Winter. Er mahnte zur Pflichttreue und wies wohl im Beisein von Studenten seine Amtsgenossen ab, wenn sie ihn von gewissen ermüdenden Geschäften abhalten oder ihn überreden wollten, in gewissen Dingen mehr seinen Vergnügen oder seinem Geschmacke zu folgen, oder mehr auf seine Bequemlichkeit zu sehen 111). Auch wusste man wohl von ihm selbst, dass er für seine Hörer bete "-). So konnte einer seiner einstigen Schüler ^^") über die wunderbare Einwirkung Gellerts auf viele seiner Hörer die schönen Worte schreiben: „Der Weg zur Tugend ist steil! Konnte er ihn ebenen? Nein! Gott selbst hatte ihn über Felsen- gebirge angelegt; ein Mensch durfte keinen durch anmutige Thäler suchen, und konnte, wenn er ihn suchen wollte, keinen finden. Aber er bestreute den Felsenweg mit Blumen, indem er voranging, und seine Nachfolger sammelten voller Entzücken die Blumen und vergassen, dass sie kletterten."
Den tiefsten Eindruck machte Geliert ferner durch die Gelassenheit, mit der er sein körperliches Leiden trug, und durch die er — „fast ein Wunder unter den Menschen" ^^^) —
108) Waldau, Gellerts wahre Grösse u. s. ^\., S. 14. — Der vortreffliche Charakter u. s. w., S. 35. — Mathesius, a. a. 0. S. 30. — Schwäbische Bey- träge u. s. f., S. 7. — Ammau, Gellerts Denkmal, S. 17: „Die Moral war immer die glänzendste Seite Gellerts, wenn er lehrte. Denn er Avar immer zu den grossen moralischen Charakteren, die er schilderte, das Urbild."
103) IX, ep. 234. Gellerts Ablehnung wurde iu Warschau nicht un- gnädig aufgenommen, obgleich ihn der Hof für diese Professur erst em- pfohlen hatte; siehe die Briefe im Archiv für die Sächsische Geschieht» Jahrgang 1877, S. 270 ft". : H. Ermisch, „Aus Christian Fürchtegott Gellerts akademischem Leben." Man gab ihm statt des zurückgewiesenen Amtes die erledigte Pension des Hofrats Mascov: 400 Thaler. Vgl. IX, ep. 241 an Caroline Lucius. — Seh. ep. 66. — Cramer, a. a. 0. X, S. 238. — Eine hübsche Anerkennung seiner Bescheidenheit enthält ein Flugblat: In Gellerti effigiem von 0** o. J. o. 0. — Gerühmt wird diese Tugend Gellerts noch bei Huber, a. a. 0. S. 45.
"0) Dass dies Eindruck machte, zeigt Waldau a. a. 0. S. 6. — Ma- thesius, a. a. 0. S. 48. — Cramer, a. a. 0. X, S. 278.
"•) Cramer, a. a. 0. X, S. 277.
112) Dem Grafen Moltke, seinem früheren Schüler, schreibt er IX, «p. 307: „Ich liebe Sie, bete für Sie."
113) G. Ad. V. Amman, Gellerts Denkmal S. 15. 1«) .Waldau, S. 19. — Huber, S. 44.
3*
— 36 —
trotz seiner Schwermütigkeit leutselig gegen jedermann war. Seine aufrichtige Freude am Glück seiner Mitmenschen, welche lebhafter war als die über das eigene ^^^), seine gerechte An- erkennung fremden Verdienstes, milde Beurteilung der Fehler anderer ^^*'), seine Unfähigkeit, jemanden zu hassen oder zu be- neiden **^, erkannte man als einen Ausfluss seines tief christlichen Herzens. Man wusste ihm auch dafür Dank, dass er seine Hörer bisweilen an seinen persönlichen Erlebnissen und Inter- essen teilnehmen Hess, ihnen etwa Briefe vorlas, die von aus- wärts an ihn in seelsorgerlichen Angelegenheiten gerichtet waren ^^*). Mathesius urteilte von Geliert mit Recht, er sei ein wirkliches und wesentliches Original eines Christen gewesen, der sich in der Welt von der Welt unbefleckt erhalten habe^^^). Dies war eben ein grosser Vorzug Gellerts, dass sein gesundes, nüchternes Christentum von der akademischen Jugend nicht ein- seitige Weltflucht verlangte, sondern den geheiligten Gebrauch aller der Gaben, die uns Gott verliehen; dass er folgerichtig auch das Vergnügen erlaubte, ja sogar anbefahl und zum Reiten, Fechten und besonders zum Tanzen förmlich einlud'-'^). Wenn er ferner unbefangen zugab, bei der christlichen Erbauung müsse hinsichtlich der Predigtsprache den veränderten Zeitumständen Rechnung getragen werden ^'-^), so hatte er damit gewiss vielea aus der Seele herausgesprochen.
Das Ziel, welches Geliert vom Lehrstuhl aus verfolgte, seinen Studenten ein Bewahrer religiöser Gesinnung in einer Zeit herandringender Freigeisterei zu werden, dasselbe Ziel lei- tete ihn auch in seinen Schriften, deren beispiellos weite Ver- breitung schon beschrieben wurde.
Huber urteilt i-'-) über Gellerts Schriften, sie besässen die Wirkung, edle Gesinnungen in den Herzen der Menschen zit erwecken und sie zu wohlthätigen Handlungen zu vermögen; und Goethe gesteht offen zu, dass schon lange Zeit vor seinem Leipziger Aufenthalt die Bücher Gellerts das Fundament der deutschen sittlichen Kultur gewesen seien '^^). Es handelt sich
"5) Gramer, a. a. 0. X, S. 277.
116) Amman, a. a. 0. S. 25.
1") Gramer, X, S. 277. — Ernesti: Das Andenken etc., S. 30.
11^) Der Verfasser der „Zärtlichen Klagen eines Jünglings etc." be- richtet S. 16 If., dass Geliert einst einen aus Amerika eingelaufenen Brief mitbrachte, dessen Absender durch Gellerts Trostgründe wider ein sieches Leben den Weg zu Gott -wiedergefunden hatte. — Auch den Brief las er vor, den ein im Duell verwundeter Leutnant an ihn geschrieben. Siehe Seh. ep. 25.
iis) Mathesius, a. a. 0. S. 41.
120) Lehren eines Vaters u. s. f. V, 170. — VI, 230 f. MVi».
121) Vorrede zu den geistlichen Liedern und Oden, IL 68.
122) Huber, Lobschrift, S. 6.
123) Dichtung und Wahrheit, 7. Buch. Hempel, XXI, S. 76.
— 37 —
Merbei hauptsächlich um die Fabeln, die geistlichen Oden und Lieder, sowie die Abhandlung von den Trostgründen wider ein sieches Leben ; in zweiter Linie sodann um die moralischen Ge- dichte und um die Betrachtungen über die Religion und über die Vortrefflichkeit und Würde der Andacht; an dritter Stelle stehen die Lustspiele und der so verschieden beurteilte Roman „das Leben der schwedischen Gräfin" von G**.
Bei der religiösen Grundstimmung Gellerts muss man von vornherein annehmen, dass er sich in keiner seiner Schriften in Widerspruch mit der Religion setzen, vielmehr dieselbe überall habe fördern wollen. Diese vorläufige Annahme findet ihre Be- stätigung in der sorgfältigen Vorbereitung, die er der Aus- arbeitung aller seiner Werke, insbesondere seiner Dichtungen, vorhergehen liess. Gerade aus den Berichten hierüber fühlt man deutlich heraus, wie lebendig das Verlangen in Geliert brannte, seinen Nächsten religiöse Dienste zu leisten. Aus den Briefen an den Freiherrn von Cronegk, an Borchward und an Caroline Lucius '-*) erfahren wir die mühevolle und sorgenreiche Ent- stehung seines Lehrgedichtes: der Christ. Er verfertigte es in der Neujahrsraesse 1754 unter allen Qualen der Hypochondrie in einem Zeitraum von acht bis neun Tagen und bat Gott flehentlich, dass er es aus einem redlichen und frommen Herzen machen möchte. Schuf er dieses Gedicht zunächst zu seinem eigenen Seelenheile ^-■^), so leitete ihn bei seinen Oden und Liedern in erster Linie das geistliche Wohl seiner Mitmenschen. Diese Arbeit war nicht nur „seinem Herzen die feierlichste und wich- tigste, die er in seinem Leben unternommen hatte" ; er bestrebte sich auch ,.mit allem Ernste seiner Seele". ,.die Wahrheit der Empfindungen, welche darinnen sprechen sollten, an seinem eignen Herzen zu erfahren''^"-''). Umfangreiche Beurteilungen wurden bei auswärtigen Freunden eingeholt^-'), und als im No- vember 1756 bei Geliert die Absicht feststand, die geistlichen Oden und Lieder nochmals ,,auszubessern'' und gegen Ostern 1757 unter diesem Titel herauszugeben, schrieb er an den jungen Grafen von Brühl: „Gott segne diese Arbeit, so thue
124) VIII, ep. 44. 45. IX, ep. 312.
125) Cramer, a. a. 0. X, S. 208 citiert eine Stelle aus Gellerts Tage- buch vom Jahre 1754: „Möchte ich dieses Gedichte doch zu meiner eigenen Kühe verfertiget haben! Möchte mich der Gedanke davon in traurigen Stunden aufrichten! 0 Gott, lass es nur meiner Seele zum Vorteile dienen!"
126) Cramer, a. a. 0. X, S. 208.
12') Es waren vornehmlich Cramer. vgl. ep. 80. 84. 85 (92), Borch- ■ward, vgl. ep. 92. 96. 101. 114, Gärtner, vgl. ep. 92, Schlegel, vgl. ep. 130 und Rabener, ep. 130; auch Gutschmidt, ep. 312. — Gegenseitige Kritik hatten die Freunde bereits vorher als „Bremer Beiträger" geübt, vgl. Franz Muncker bei Kürschner, Deutsche Nationallitteratur, 43. Band, I. Ab- teilung, S. IV.
— 38 —
ich gewiss etwas Nützliches" ^-^). Professor J. G. Eck aber teilte seinen Zuhörern am Begräbnistage des Liederdichters eine kleine Anekdote mit, welche für Geliert charakteristisch ist: Auf die Anfrage eines gemeinen Mannes hin änderte er den Liedanfang: „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank*' um m „Mein erst Geschäft sei Preis und Dank", ein litterarisches Opfer, das ein anderer schwerlich gebracht hätte ^-•')-
Was den religiösen Gehalt der Schriften betrifft, so be- gegnen wir hier denselben Anschauungen, wie sie Geliert in seinem Hörsaal vortrug. Ganz entsprechend dem verschiedenen, Stoff seiner Schriften tritt das religiöse Moment bald mehr, bald weniger hervor.
Die Fabeln geben zunächst ein vielseitiges Sittenbild aus dem deutschen Volke. Kein Stand bleibt unerwähnt; gekrönte Häupter, grosse Denker und Künstler, schlichte Leute aus dem Volke, Handwerker, Tagearbeiter und Dienstboten werden uns vorgeführt, Erwachsene und Kinder, Männer und Frauen, Knaben, und Mädchen werden geschildert. Ein religiöser Zweck dieses Sammelwerkes wird zwar in den Vorreden von den Jahren 174ö und 48 nicht ausgesprochen, kaum die ernste Absicht, überhaupt moralisch zu wirken; Geliert erscheint zufrieden, wenn er „die Natur nicht verfehlet und bei seiner Munterkeit die Ruhe des Wohlanstandes und der Ehrbarkeit nicht gestöret hat"^'^"). Aber in den Fabeln selbst finden wir die bösen Triebe des mensch- lichen Herzens, wie sie bei den kleinen Ereignissen des täglichen Lebens als übertriebene Sorge ums tägliche Brot, Ehrsucht, Geiz, Prozesssucht auftreten, so anschaulich dargestellt und harmlos herzlich verspottet, dass schon hierdurch ein moralischer Nutzen entstehen konnte. Ausdrücklich tritt uns christliche Ethik entgegen, wenn z. B. Amynt^-^') lieber die grösste Dürf- tigkeit erduldet als sich durch falsches Zeugnis bereichert; wenn die Leser aufgefordert werden, durch Pflichterfüllung und Be- wahrung eines reinen Gewissens sich das Glück zu verschaffen, der Welt genützt zu haben. Religiös wird der moralische In- halt der Fabeln besonders dadurch, dass der Blick des Lesers oft auf Gott und auf ..jenes Leben" gerichtet wird. Da erscheint der Weg der Christen durch die Welt als eine anbefohlene Reise ins Himmelreich'^^). Jeder soll sie unternehmen. Aber viele reisen nur im Geiste oder machen sich bloss reisefertig, andere
128) VIII, ep. 116. — Vgl. ep. 92 an Borchward: „Wollte Gott, dass sie einstens zur Erbauung und zur Ehre der Religion etwas beitragen."
129) J. G. Eck, Gellerts Empfehlung. Eine Vorlesung. Den 16. De- zember 1769. — Die Wahrheit dieses Berichtes wird übrigens vom Her- ausgeber J. L. Klee bezweifelt, X, 297.
130) I, 34.
131) I, 168: Amynt.
132) I, 75: Die Beise.
— 30 —
kehren bald um ; ^Yieder andre erschweren sich die Ankunft am Ziele durch selbstgewählte, finstere Pfade, während die Reise- karten doch angenehme Wege durch grüne Felder zeigen: kurz, wenige nur unternehmen die Reise wirklich mit Erfolg. Oder es erscheint ^^^) die ewige Seligkeit als eine Stadt auf dem Berge; der steile Tugendpfad jedoch, der hinaufführt, wird vielen zu schwer, denn sie wollen aus dem fruchtbeladeneu p]rdenthale die Last irdischer Lust mit auf den Weg nehmen. Dort oben aber besteht eine andere Ordnung der Gesellschaft. Der arme Greis ^•^'*), hier auf Erden von einem Reichen ungerecht ver- spottet, tritt bald bei Gott als Kläger auf. Auch die irdischen Lebensschicksale der Menschen stehen unter Gottes gerechtem Ratschluss. Der Reiter^"''), der zum Brunnen wiederkehrt, an dem er seinen Geldsack liegen Hess, erschlägt den Alten, der ihn doch nicht gestohlen, der aber einstmals Blutschuld auf sich geladen hat. Mit scharfer Satire wird die Scheinheiligkeit der Betschwester an den Pranger gestellt und auf lautere Be- weggründe christlicher Liebesthätigkeit gedrungen^"''). Und die Hilfe, die der menschenfreundliche Philet dem armen Schiffer gewährt^ •'■"), zeigt, dass es auf Erden nichts Göttlicheres giebt als ein wirklich liebreiches Liebeswerk. Froh kann der Christ sein im Blick auf das herrliche ewige Leben, in welches in Gellerts Fabeln in echt evangelischer Weise ohne Drohung und ohne Ausnahme eingeladen wird^"''); frei von irdischen Sorgen soll er auch auf dieser Erde leben, mit Alcesten eingedenk ^■^'•'): „Kann mich der Tod so bald entseelen. Was nützt mir alles Glück der Welt? Um froh zu sterben will ich leben. Der Herr, der alles Fleisch erhält. Wird mir, soviel ich brauche, geben." Weit mehr religiös-ethische Färbung tragen natürlich die geistlichen Oden und Lieder an sich. Die christlichen Leser werden daran erinnert, dass sie auf der Erde sind, um tugend- haft zu sein (II, 155 — 160) — dass ein auf Glauben gegründetes ruhiges Gewissen ein grosses Geschenk sei (II, 151) — dass der wahre Ruhm in der treuen Erfüllung des Berufes bestehe, „weil ihn der Herr gebot, nicht, weil mich Menschen sehn" (II, 82) — dass man der Liebe zu Gott auch seine liebste
133) I, 194: Der Jüugliiig.
134) I, 151: Der arme Greis.
135) I. 121: Das Schicksal.
130) Die Betschwester, I, 63 ff., dem Inhalte uach übereiustiramend
mit dem gleichbeuaunten Lustspiele.
13^) I, 119: Der arme Schiffer.
138) 1, 195, wo der Jürigliug eingeladen wird, das Glück des Himmels aufzusuchen.
13^) I, 213: Alcest.
— 40 —
Neigung aufopfern müsse (II, 87). Sie werden ermahnt zum Gebet in Kirche und Haus (II, 77. 79), zum Dank für Gottes Güte (II, 97), zur Ausübung barmherziger Nächstenliebe und Beweisung thätigen Glaubens (II, 131. 107). Um den religiösen Wert der Gellertschen Lieder recht zu würdigen, muss man auch berücksichtigen, dass die Kirchengesänge, welche der aus- geartete Pietismus hervorbrachte, der subjektiven Empfindung einen so breiten Raum gewährten, dass die Allgemeingültigkeit des Inhalts darunter litt. Obendrein stiess mau sich au dem veralteten Geschmack ihrer Beredsamkeit^*''). Nach beiden Seiten hin besitzen Gellerts Lieder unverkennbare Vorzüge.
Die moralischen Gedichte haben bereits bei Gellerts Zeitgenossen weniger Leser gefunden als die geistlichen Oden und Lieder, obwohl sie ihrem Verfasser bei seiner Vorliebe für alles christlich Belehrende besonders v/ert waren ^*^).
Unter den prosaischen Schriften sind die ..Trostgründe wider ein sieches Leben" besonders anziehend geschrieben. Es giebt für die Menschen, die ein sieches Leben führen, keiueu andern Trost als die christliche Religion mit ihrer gewissen Aussicht auf ein zukünftiges besseres Leben. Mit blossen philosophischen Betrachtungen über die Notwendigkeit des ^bels oder darüber, dass nur der Leib krank, die Seele aber, das bessere Teil, gesund ge- blieben sei, ist nichts geholfen, am allerwenigsten dann, wenn der Trostbedürftige selbst Schuld au seinem Übel sein sollte. Besonders wohlthueud berührt in dieser Schrift der beherzigenswerte Ge- danke^*-), dass die Religion ein Gegenstand des Studiums sei, in welchem man als Christ Fortschritte macheu könne und müsse, nicht etwa, indem mau seinen Verstand betäube, sondern im Gegenteil, indem mau die Wahrheiten der Schrift denkend betrachte und in seinem Leben anzuwenden versuche, um in der Ausübung der Tugend stets vollkommener zu werden.
Eine eigenartige Stellung nimmt der 1746 erschienene Roman „Das Leben der schwedischen Gräfin von G**" ein. Er ist voll von moralischen Tendenzen, aber das verworrene Getriebe der Ereignisse wird durch Gellerts Scheu vor energischen Lö- sungen schliesslich so unsittlich und peinlich, dass Blutschande
i«) Ygi Gellerts Vorrede zu den Liedern luid Oden, II, 67 f. — Lut- hardt, Eede am 13. Dez. 1869 u. s. f., S. 11.
1*1) Eruesti, a. a. 0. S. 27. — Dass gerade dieser belehrende Tou in den geistlichen Dichtungen Gellerts auch damals von manchen als Nachteil empfunden wurde, geben die Verfasser der „Schwäbischen Beyträge etc." S. 6 zu: „Geliert hat selbst mit dem meisten Vergnügen von seineu geist- lichen Liedern gesprochen, und sie sind auch wirklich unvergessliche Denk- male seiner Tugend und seines geläuterten Christentums, und die wärmere Andacht der künftigen Christen mag es entscheiden, ob sie nach dem Vor- wurf unserer Kritik zu moralisch seien und oft den Liederton verfehlen."
»2) V, 50.
— 41 —
und Doppelheirat als weise Fügung der Vorsehung erscheinen und die moralischen Vorteile und Nachteile sich mindestens aufheben. Geliert selbst scheint über den Inhalt dieses Romans frühzeitig Gewissensbisse empfunden zu haben ^*"^), Die Zeit- genossen waren zwar einig in der Anerkennung der moralischen Absichten Gellerts auch bei diesem Werke, geteilter Ansicht aber doch über dessen sittliche Wirkung. Einer, vermutlich Theologe ^^*), schreibt: „Die schwedische Gräfin enthält in kurz erzählten Begebenheiten die schönste Sittenlehre." Huber in seiner Lobschrift schwankt. Er gesteht zwar zu, alle „empfind- lichen Seelen" hätten an diesem Romane Geschmack gefunden, ihm persönlich aber gefiel dieses Werk unter allen Schriften Gellerts am wenigsten ^'^■'). Und die Verfasser der „Schwäbischen Beyträge" bekennen ^**^) offen, dass man gewisse Scenen „nur mit Ekel und Widerwillen" ansehen könne, und dass die Begierde, grosse und unerwartete Situationen anzulegen, wozu Gellerts Genie nicht geschaffen gewesen sei, „sein Herz hintergangen" habe. Eine gemeinsame Eigentümlichkeit sämtlicher fürs grosse Publikum bestimmten Schriften Gellerts ist der apologetische Zug, der hier und da zu Tage tritt und den wir schon bei der Besprechung von Gellerts Dozentenwirksamkeit kennen lernten. Lieder, wie das bekannte: „Wenn ich, o Schöpfer, deine Macht", oder „Die Himmel rühmen des Ewigen f]hre" predigen einem gedankenlosen Atheismus gegenüber die Erkennbarkeit Gottes aus der Natur. In der Vorrede zu den geistlichen Liedern ^*') werden die Leser gemahnt, sich durch den Vorwurf eines kleinen und einfältigen Geistes, eines Abergläubischen und Milzsüchtigen nicht schrecken zu lassen. Vielmehr müssten wir diesen Tadel für unsern grössten Lobspruch halten, da das Gewissen uns beistimme. Also auch hier die apologetische Berufung auf die innere christliche Erfahrung. Dieses christliche Glaubensbewusst- sein kommt zum überzeugtesten Ausdruck in dem Liede „Wenn Christus seine Kirche schützt", dessen markige Sprache teilweise an Luthers Stil erinnert^*'*). — In einer Fabel aber^*^) streiten
"3) VIII, ep. 7. 20. — Vgl. auch deu „Vorbericht zur Auflage meiner Schriften v. J. 1769" 1, 3: „Ich muss .... hoifeu, dass sowohl ihre Mängel überhaupt, .. als auch einige jugendliche Stellen meiner ersten Aufsätze, ■wenn das Übrige nützlich ist, leicht ferner Nachsicht erhalten werden."
^**) Der Verfasser der „Betrachtungen an die beiden Grafen von Neipperg", S. 33. 4 = 21.
"s) Huber, a. a. 0. S. 25.
i^ß) Schwäbische Be_yträge S. 6 f.
'*'') II, 66. — Ebenso in der Abhandlung von der Vortreff'lichkeit und Würde der Andacht V, 153 f.
'^^) Bei dem Hinweis auf die verheisseneu Belohnungen des Christen- tums wird übrigens an einer Stelle die natürliche Selbstsucht des Menschen zu sehr ins Spiel gezogen: „Alles genau gegen einander abgewogen, so sind die Annehmlichkeiten, die uns die Religion entzieht, nichts gegen die
zweiten ergiebt sicli beklagt, class grosse stellen wagen. Es ist
- 42 —
sich Fliege und Spinii- ber die Entstehung des prachtvollen. Tempels, in dem sie sie. finden, ob ihn wohl das Abstraktum Kunst aufgebaut habe. 1er ob er nicht vielmehr aus einem blinden Ungefähr eutstn- en sei. Mit köstlichem Humor wird das Widersinnige der rv n Meinung aufgezeigt, der Irrtum der
Leser von selbst. Der Dichter aber ,er seiner Zeit solche Systeme aufzu- Hitsam, dass diese apologetische Fabel in demselben Jahre erscl.ji, in welchem der Arzt de la Mettrie sein berüchtigtes Buch erausgab: L'homme machine, dessen Absicht darauf ging-, deiGlauben an Gott völlig zu beseitigen.
So sehen wir Geller in einer reichen religiösen Wirksam- keit begriffen. Wenn 9r gezeigt wurde, wie er als Dozent vom Lehrstuhl herab uii als vielgeleseuer Autor diesen Einfluss ausübte, so ist damit • Umfang seiner religiösen Thätigkeit noch nicht erschöpft. A Professor wie als Schriftsteller wandte er sich an grössere Kreij. Indes übte er seine religiöse Wirk- samkeit auch dem Väl Inen gegenüber aus, in persönlichem Verkehr durch Wort n:, That, sowie durch seinen Briefwechsel. Beides bedarf noch der .usführung.
Zu dieser persöulicha Berührung mit der Aussenwelt musste es mit Notwendigkeit tomen. Denn Geliert gewann durch seine Herzensgesinnung, welche in seinen Vorlesungen und in seinen Schriften überall dchtbar wurde, schnell das Vertrauen des einzelnen Hörers Lesers. Und er suchte dieses Ver- trauen zu gewinnen. . nn weder konnte er nach seinem reli-
giösen Standpunkt seine /'erantwortlichkeit der akademischen Jugei mit seinem Hörsaal als abgeschlossa betrachten, der blossen Wirkung smer Schriften, viele Fälle religiös-sittliher Not aucl greif lieh entgegentrat' Sein Christ reichster Auswirkung h.
Zunächst nach en| akademischen Jugend! war ebenso wie der Wirkens. Um niemai zugänglich zu sein,^ damals wohl nicht pfing er die überall
innere in au^
er
L.rei5
rte iberi
göttlichen Freudea, die Religion.
W9) I, 149:
i50j Wenigst^ — Diese Sprech^ ep. 80 (4 Uhr).
f
c
/
[tiüi:^
W
die seinem Schutze empfohlen eingeladen hatte, ihn aufzusuci haiiptet, dass alle christlichen 1; land, Dänemark, den Ostseepro vi Leipziger Hochschule sandten, > denselben „die Kollegia einrieb i guten Geschmacks wie der Sitti zu ihm gegangen und freund Oftmals wusste sich Geliert \ Dann klagte er seinen Freuml' unerträglich" werde, dass er \' sich selbst komme". So kamen ■ Nachmittao- von vier Uhr ab ztn
m und die er wohl selbst
Es ist kaum zu viel be-
ien von Stande in Deutsch-
1, die ihre Söhne nach der
u Geliert wiesen, damit er
und ihnen ein Bildner des
/erde^'^). Auch Goethe ist
• aufgenommen worden^'-).
Besuchen kaum zu retten.
. dass ihm diese Last „fast
esuchen „fast gar nicht zu
pielsweise an einem einzigen
i Parteien mit sechzehn Per-
sonen zu längerer Unterhaltung ^■'*=. Geliert würde, wie auch Goethe versichert, seinen ganzen 'ag haben aufopfern müssen, wenn er alle die Menschen, die sih ihm vertraulich zu nahen gedachten, hätte aufnehmen und fefriedigen wollen. P]in oder zwei Famuli sorgten dafür, dass icht immer alle Zutritt er- hielten. Dem Besuch gegenü1>(> '^s sich übrigens Geliert von seiner Ermattung nichts merken r erwies im Gespräch jedem die gebührende Hochachtung ui ss sich zu einer Vertraulich- keit herab, die das Herz zu ge..,.üeu fähig war, ohne dass er einer Stellung etwas vergeben btte. Auf vornehmen Stand und Geburt gab er dabei nichts, ;ondern schätzte wahre Ver- dienste auch bei niederem Herkomieu ^■'^). Wenn es gelegent- lich schien, als trüge er für di' nehmen dänischen Kavaliere eine grössere Fürsorge ^^•^), so \^ s sicher nicht seine Absicht, dere hintanzusetzen. Verabschieete sich einer seiner Hörer )r seinem Weggange von Leip?k bei Geliert, so sprach dieser )hl tief ergriffen: „Ich bin kiich; das wissen Sie; wir
ihen einander in dieser Welt w.
^ige füllte sich mit Thränen '
Um die, welche ihm besoud<
bh Geliert gründlich; sie mu
3htete es als Pflicht und fr(
iterricht und Ermunteruncf zu ..
as letzte Mal", und manches
upfohlen waren, bekümmerte
1 ihn oft besuchen. Er be-
'3 Aufgabe, ihnen durch Rat,
xju, und sandte sie gewöhnlich
iter mit einem rühmlichen Bessitschreiben als „anvertraute
'S') IX, ep. 322. X, ep. 370. ep. 43< — Mancher Vater verlaugte noch Im Briefwechsel mit Fräul. '■hönfekl ep. 17 berichtet Geliert m 22. V. 1759 ans Bonau: ..(i- ist der Graf Werther zu mir ge- [len mit eiuem Brief von seiueiu * <er, ihm die Kollegia eiiizurichteu feine Frau zu schaffen."
V^--') Dichtung und Wahrheit, VT. fch. Hempel, XXI, S. 32. p3) Sch. ep. 5G. 86. 89. 91, h>:>- Is 80! \^*} .,Der vortreffliche Charakt^ , . w.", S. 04.
Goethe, Dichtung und Wah . 6. Buch. Hempel, XXI, S. 76.
„Meine Klagen bei dem Tu> ;s Prof. G. u. s. w.", S. 7.
''■'m
— 42 —
sich Fliege und Spinue über die Entstehung des prachtvolleii Tempels, in dem sie sich finden, ob ihn wohl das Abstraktum Kunst aufgebaut habe, oder ob er nicht vielmehr aus einem blinden Ungefähr entstanden sei. Mit köstlichem Humor wird das AVidersinnige der ersten Meinung aufgezeigt, der Irrtum der zweiten ergiebt sich dem Leser von selbst. Der Dichter aber beklagt, dass grosse Geister seiner Zeit solche Systeme aufzu- stellen wagen. Es ist bedeutsam, dass diese apologetische Fabel in demselben Jahre erschien, in welchem der Arzt de la Mettrie sein berüchtigtes Buch herausgab: L'homme machiue, dessen Absicht darauf ging, den Glauben an Gott völlig zu beseitigen.
So sehen wir Geliert in einer reichen religiösen Wirksam- keit begriffen. Wenn aber gezeigt wurde, wie er als Dozent vom Lehrstuhl herab und als vielgelesener Autor diesen Einfluss ausübte, so ist damit der Umfang seiner religiösen Thätigkeit noch nicht erschöpft. Als Professor wie als Schriftsteller wandte er sich an grössere Kreise. Indes übte er seine religiöse Wirk- samkeit auch dem Einzelnen gegenüber aus, in persönlichem Verkehr durch Wort und That, sowie durch seinen Briefwechsel. Beides bedarf noch der Ausführung.
Zu dieser persönlichen Berührung mit der Aussenwelt musste es mit Notwendigkeit kommen. Denn Geliert gewann durch seine Herzensgesinnung, welche in seinen Vorlesungen und in seinen Schriften überall sichtbar wurde, schnell das Vertrauen des einzelnen Hörers wie Lesers. Und er suchte dieses Ver- trauen zu gewinnen. Denn weder konnte er nach seinem reli- giösen Standpunkt seine Verantwortlichkeit für das innere Wohl der akademischen Jugend mit seinem Heraustreten aus dem Hörsaal als abgeschlossen betrachten, noch durfte er sich bei der blossen Wirkung seiner Schriften beruhigen, wo ihm so viele Fälle religiös-sittlicher Not auch in andern Kreisen hand- greiflich entgegentraten. Sein Christentum drängte eben nach reichster Auswirkung auch dem Einzelnen gegenüber.
Zunächst nach engerer persönlicher Berührung mit der akademischen Jugend! Seine Wohnung im „Schwarzen Brett''- war ebenso wie der Hörsaal ein Hauptschauplatz seines religiösen Wirkens. Um niemand vergebens kommen zu lassen und allen zugänglich zu sein, hatte er Sprechstunden eingerichtet, die damals wohl nicht allgemein üblich waren ^■'^). In diesen em- pfing er die überaus zahlreichen Besuche der jungen Männer,
göttlichen Freuden, mit denen sie uns erfüllt." V, 89: Betrachtungen über die Religion.
"9) I, 149: Die Fliege.
i50j Wenigstens hält sie Jördens einer besonderen Erwähnung für wert. — Diese Sprechstunden lagen nachmittags: IX, ep. 248 (5 Uhr), Seh. ep. 80 (4 Uhr).
— 43 —
die seinem Schutze eiiipfobleu waren und die er wobl selbst eingeladen hatte, ihn aufzusuchen. Es ist kaum zu viel be- hauptet, dass alle christlichen Familien von Stande in Deutsch- land, Dänemark, den Ostseeprovinzen, die ihre Söhne nach der Leipziger Hochschule sandten, sie an Geliert wiesen, damit er denselben „die Kollegia einrichte-' und ihnen ein Bildner des guten Geschmacks wie der Sitten werde ^■'^^). Auch Goethe ist zu ihm gegangen und freundlich aufgenommen worden^''-). Oftmals wusste sich Geliert vor Besuchen kaum zu retten. Dann klagte er seinen Freunden, dass ihm diese Last „fast unerträglich" werde, dass er vor Besuchen „fast gar nicht zu sich selbst komme". So kamen beispielsweise an einem einzigen Nachmittag von vier Uhr ab zehn Parteien mit sechzehn Per- sonen zu längerer Unterhaltung ^^'^). Geliert würde, wie auch Goethe versichert, seinen ganzen Tag haben aufopfern müssen, wenn er alle die Menschen, die sich ihm vertraulich zu nahen gedachten, hätte aufnehmen und befriedigen wollen. Ein oder zwei Famuli sorgten dafür, dass nicht immer alle Zutritt er- hielten. Dem Besuch gegenüber Hess sich übrigens Geliert von seiner Ermattung nichts merken. Er erwies im Gespräch jedem die gebührende Hochachtung und Hess sich zu einer Vertraulich- keit herab, die das Herz zu gewinnen fähig war, ohne dass er seiner Stellung etwas vergeben hätte. Auf vornehmen Stand und Geburt gab er dabei nichts, sondern schätzte wahre Ver- dienste auch bei niederem Herkommen ^■'^). Wenn es gelegent- lich schien, als trüge er für die vornehmen dänischen Kavaliere eine grössere Fürsorge *^'), so war es sicher nicht seine Absicht, andere hintanzusetzen. Verabschiedete sich einer seiner Hörer vor seinem Weggange von Leipzig bei Geliert, so sprach dieser wohl tief ergriffen: „Ich bin kränklich; das wissen Sie; wir sehen einander in dieser W^elt wohl das letzte Mal", und manches Auge füllte sich mit Thränen ^■''^).
Um die, welche ihm besonders empfohlen waren, bekümmerte sich Geliert gründlich; sie mussteu ihn oft besuchen. Er be- trachtete es als Pflicht und freudige Aufgabe, ihnen durch Rat, Unterricht und Ermunterung zu dienen, und sandte sie gewöhnlich später mit einem rühmlichen Begleitschreiben als „anvertraute
'^*) IX, ep. 322. X, ep. .370. ep. 430. — Mancher Vater verlaugte noch mehr. Im Briefwechsel mit Präul. v. Schünfeld ep. 17 berichtet Geliert ■unterm 22. V. 1759 aus Bonau : ..Gestern ist der Graf Werther zu mir ge- kommen mit einem Brief von seinem Vater, ihm die Kollegia einzurichten und eine Frau zu schaffen."
152) Dichtung und Wahrheit, VI. Buch. Hempel, XXI, S. 32.
1^3) Seh. ep. 56. 86. 89. 91, besonders 80!
'^'"*) .,Der vortreffliche Charakter u. s. w.", S. 64.
1^-^) Goethe, Dichtung und Wahrheit, 6. Buch. Hempel, XXI, S. 76.
^'^) „Meine Klagen bei dem Tode des Prof. G. u. s. w.", S, 7.
— 44
Pfänder" ins Elternhaus zurück ^^'). Nicht jedem erschloss er jedoch sein Herz in gleicher Weise. Seine zärtlichste Vertraulichkeit, sein ganzes Herz stand nur denen ofteu, die mit dem feurigsten Eifer für die Religion, mit gemeinnützigen Verdiensten eine aufrichtige Menschenliebe, tugendhafte und gefällige Sitten ver- banden''^*). Von Zeit zu Zeit wählte er aus den Studenten einige zu seiner besonderen Gesellschaft^''**). Diese durften ihn auf seinen Spaziergängen begleiten, auf denen er gern ein er- bauliches und erweckliches Thema anschlug oder doch ein nütz- liches Gespräch führte. Sehr oft lenkte er seine Schritte auf den Gottesacker zu seinen dort ruhenden Freunden, über deren Grabstätten er seine Hegleiter unterrichtete "'^i. Audi brachte er sie sonntäglich zweimal in den öffentlichen Gottesdienst"^'). Der religiöse Wert dieses Umgangs mit Geliert muss hoch angeschlagen werden. lAue 1770 erschienene Flugschrift'^-) sagte darüber: ,.Wer zu ihm kam, ging von ihm besser. Wer ihn geliebt, war tugendhaft.''
Gar gross war seine Bekümmernis, wenn er über unordent- liches Leben einzelner Studenten klagen hörte. Er that dann alles, um die religiös oder sittlich Gesunkenen auf den rechten Weg zurückzubringen ^"''j. Da solche Leute gewöhnlich seine Nähe mieden, Hess er sie zu sich bitten"") oder schrieb ihnen seine Meinung und seine Befürchtungen unverhohlen und bat sie förmlich um Besserung. Einem Hörer, der nicht einmal schriftlich von ihm Abschied genommen hatte und der in den Verdacht gekommen war, ein Freigeist und nicht mehr Gellerts Freund zu sein, schrieb er "'''), er solle ablassen und es gut mit seiner eigenen Ruhe, mit der Weisheit und Tugend meinen, und versicherte ihm, dass er fortgesetzt versuchen werde, sich durch Aufrichtigkeit um ihn verdient zu machen. Einem ,.Herrn Baron" "'") zeigt er brieflich seine Unzufriedenheit an und deckt ihm „aus Pflicht und Freundschaft" mit grossem sittlichen Ernste die Gründe auf, aus denen er die Kollegien vernachlässige; wieder ein anderer junger Freund wird mit den herzlichsten Worten"*') ermahnt, dem Trünke zu entsagen. — Es kam auch
.58)
löiA 160j
Von W.
163,
auf einen
164) 165) 166) ,67)
VIII, ep. 14.5. IX, ep. 322. X, ep. 376. 430. „Zärtliche Klappen eines Jünglings u. s. f." am Ende. Gramer, a. a. 0. X, S. 281.
Mathcsiiis, a. a. 0. S. 47. — „Elegie bei dem Grabe Gellerts." Anra. auf S. 1.
Eck, Gellerts Empfehlung. S. 11.
„Dem Andenken Gellerts gewiedmet von der Gräfin von ***•, S. 15. Vielleicht bezieht sich die Bemerkung im Tgb. v. 1(5. IIl. 1701 solchen Fall.
Tgb. V. 12./I., 2./1I. 1761. X, ep. 4.33. X, ep. 434. X, ep. 384 „Liebster Herr Magister", , .liebster Rudolf.
4 i# r-o»
i
— 45 —
öfter vor, dass sich Studenten, die in sittliche Verirrungen ge- raten waren, in ihrer Reue freiwillig an ihn mit der Bitte um Rat oder um Fürsprache bei den Eltern wandten. Dann eilte Geliert mit der Antwort und lud die Hilfesuchenden ein, ihn „ohne Furcht" „heute oder morgen" zu weiterer liebreicher Be- ratung zu besuchen. Er hielt ihnen in väterlicher Gesinnung die schönsten Trost- und Mahnworte der heiligen Schrift ent- gegen, z. B. Ps. 119, 9. Tob. 4, 6. Luc. 15, 20. Phil. 2, 13., und noch jetzt merkt man seinen Einladungsbriefen die innere Freude über die bevorstehende Seelenrettung ^^^*) an. War die Besserung von Dauer, so suchte er durch Befürwortungsschreiben auch die materiellen Verlegenheiten solcher Unglücklichen zu heben. Aber er war mit seinen fJmpfehlungen vorsichtige'^®). Wir haben ein Beispiel, welches ausführlich zeigt, wie treu Geliert seinen Schutzbefohlenen nachging, an dem Studenten G***!^'"). Vom Dezember 1755 bis zum Juni 1764 berichtet Geliert in den Briefen an seine Schwester über gute und schlechte Erfahrungen, die er mit ihm gemacht. Der junge Mann war nicht fleissig und sparsam genug. Geliert hat ihm ..ein alt Kleid gegeben" e"), will's noch einmal mit ihm versuchen ''-), obgleich er sehr wenig Hoffnung hat: „Mich dauert der arme Vater". Der junge Mann müsse besser ein Schreiber werden als ein verdorbener Student. Er hat mit Gellerts Famulus Gö- dicke zusammen gewohnt, ist dann davon gegangen und will wieder zurück. Geliert schreibt ^'-^j: „Wollte Gott, ich wüsste dem armen Vater zu raten und müsste nicht hören, dass G***l sich von seinen unglücklichen Gewohnheiten noch nicht los- gerissen hat." Später aber berichtet er^'*): „G***l lebt zu meiner Freude noch ordentlich, wie er angefangen hat." Geliert hat sich um Verlängerung seines Konviktgenusses bemüht^'''). Endlich steht der junge Mann vor dem Examen, und sein menschen- freundlicher Gönner hofft das Beste. Er hat ihn versprechen lassen, den Sonntag stets feierlich und mit Übung der Religion zu begehen, ohne die höchste Not keine Berufsarbeit an dem- selben zu verrichten und sich keine solchen Vergnügungen zu erlauben, die dem Herzen schädlich sind^'^'j. Schliesslich scheint
1^) IX, ep. 306. .310. X, ep. 440. — Andrerseits die tiefe Trauer, ■wenn einer seiner Bekannten sittlich zu Grunde ging: VIII, ep. 148.
16Ö) IX, ep. 306 a. E. — X, ep. 440 An einen relegierten Studenten.
i'O) Es war dies Gellerts Schwestersohn Gabriel Christüeb Meese, Sohn des Bürgermeisters zu Hainichen. Vgl. Seh. ep. 4 S. 17. Anm. 19.
"1) VllI, ep. 98.
"2) VIII, ep. 118.
1^3) YIII, ep. 148.
IM) VIII, ep. 158. — Abermaliges Lob ep. 159, 160. 169.
1'^) Durch einen Brief an seine Korrespondentin Erdmuthe v. Schön- feld. Vgl. Seh. ep. 4 das Postscriptum und Seh. €p. 10.
i'6) Seh. ep. 4. — VIII, ep. 177.
^ "^^
— 44 —
Pfänder" ins Elternhaus zurück*'^'). Nicht jedem erschloss er jedoch sein Herz in gleicher Weise. Seine zärtlichste Vertraulichkeit, sein ganzes Herz stand nur denen offen, die mit dem feurigsten Eifer für die Religion, mit gemeinnützigen Verdiensten eine aufrichtige Menschenliebe, tugendhafte und gefällige Sitten ver- banden'-^*). Von Zeit zu Zeit wählte er aus den Studenten einige zu seiner besonderen Gesellschaft ^^^). Diese durften ihn auf seinen Spaziergängen begleiten, auf denen er gern ein er- bauliches und erweckliches Thema anschlug oder doch ein nütz- liches Gespräch führte. Sehr oft lenkte er seine Schritte auf den Gottesacker zu seinen dort ruhenden Freunden, über deren Grabstätten er seine Begleiter unterrichtete^^). Auch brachte er sie sonntäglich zweimal in den öffentlichen Gottesdienst^*^'). Der religiöse Wert dieses Umgangs mit Geliert muss hoch angeschlagen werden. Eine 1770 erschienene Flugschrift"'-) sagte darüber: „Wer zu ihm kam, ging von ihm besser. Wer ihn geliebt, war tugendhaft.'*
Gar gross war seine Bekümmernis, wenn er über unordent- liches Leben einzelner Studenten klagen hörte. Er that dann alles, um die religiös oder sittlich Gesunkenen auf den rechten Weg zurückzubringen ^''■'). Da solche Leute gewöhnlich seine Nähe mieden, liess er sie zu sich bitten ^''■*) oder schrieb ihnen seine Meinung und seine Befürchtungen unverhohlen und bat sie förmlich um Besserung. Einem Hörer, der nicht einmal schriftlich von ihm Abschied genommen hatte und der in den Verdacht gekommen war, ein Freigeist und nicht mehr Gellerts Freund zu sein, schrieb er^*^-^), er solle ablassen und es gut mit seiner eigenen Ruhe, mit der Weisheit und Tugend meinen, und versicherte ihm, dass er fortgesetzt versuchen werde, sich durch Aufrichtigkeit um ihn verdient zu machen. Einem ,.Herrn Baron" ^''^) zeigt er brieflich seine Unzufriedenheit an und deckt ihm „aus Pflicht und Freundschaft" mit grossem sittlichen Ernste die Gründe auf, aus denen er die Kollegien vernachlässige ; wieder ein anderer junger Freund wird mit den herzlichsten Worten''^') ermahnt, dem Trünke zu entsagen. — Es kam auch
15T) VIII, ep. 14.5. IX, ep. 322. X, ep. 376. 430.
158) „Zärtliche Klagen eines Jünglings u. s. f." am Ende.
159) Gramer, a. a. 0. X, S. 281.
160) Mathesius, a. a. 0. S. 47, — „Elegie bei dem Grabe Gellerts." Von W. Anm. auf S. 4.
161) Eck, Gellerts Empfehlung. S. 11.
i'52) „Dem Andenken Gellerts gewiedmet von der Grätin A'on ***••, S. 15. i63j Vielleicht bezieht sich die Bemerkung im Tgb. v. 16,111. 1761 auf einen solchen Fall.
16*) Tgb. V. 12./I., 2./1I. 1761,
165) X, ep. 433.
166) X, ep. 434,
167) X, ep, 384 „Liebster Herr Magister", „liebster Rudolf',
— 45 —
öfter vor, dass sich Studenten, die in sittliche Verirrungen ge- raten waren, in ihrer Reue freiwillig an ihn mit der Bitte um Rat oder um Fürsprache bei den Eltern wandten. Dann eilte Geliert mit der Antwort und lud die Hilfesuchenden ein, ihn „ohne Furcht" „heute oder morgen" zu weiterer liebreicher Be- ratung zu besuchen. Er hielt ihnen in väterlicher Gesinnung die schönsten Trost- und Mahuworte der heiligen Schrift ent- gegen, z. B. Ps. 119, 9. Tob. 4, 6. Luc. 15, 20. Phil. 2, 13., und noch jetzt merkt man seinen Einladungsbriefen die innere Freude über die bevorstehende Seelenrettung ^"^^j an. War die Besserung von Dauer, so suchte er durch Befürwortungsschreiben auch die materiellen Verlegenheiten solcher Unglücklichen zu heben. Aber er war mit seinen Empfehlungen vorsichtig ^*^^j. Wir haben ein Beispiel, welches ausführlich zeigt, wie treu Geliert seinen Schutzbefohlenen nachging, an dem Studenten G***P'"). Vom Dezember 1755 bis zum Juni 1764 berichtet Geliert in den Briefen an seine Schwester über gute und schlechte Erfahrungen, die er mit ihm gemacht. Der junge Mann war nicht fleissig und sparsam genug. Geliert hat ihm „ein alt Kleid gegeben" ^^*), will's noch einmal mit ihm versuchen^'-), obgleich er sehr wenig Hoffnung hat: „Mich dauert der arme Vater". Der junge Mann müsse besser ein Schreiber werden als ein verdorbener Student. Er hat mit Gellerts Famulus Gö- dicke zusammen gewohnt, ist dann davon gegangen und will wieder zurück. Geliert schreibt^"): „Wollte Gott, ich wüsste dem armen Vater zu raten und müsste nicht hören, dass G***l sich von seinen unglücklichen Gewohnheiten noch nicht los- gerissen hat." Später aber berichtet er^'*): „G***l lebt zu meiner Freude noch ordentlich, wie er angefangen hat." Geliert hat sich um Verlängerung seines Konviktgenusses bemüht *^^'). Endlich steht der junge Mann vor dem Examen, und sein menschen- freundlicher Gönner hoff't das Beste. Er hat ihn versprechen lassen, den Sonntag stets feierlich und mit Übung der Religion zu begehen, ohne die höchste Not keine Berufsarbeit an dem- selben zu verrichten und sich keine solchen Vergnügungen zu erlauben, die dem Herzen schädlich sind^^^). Schliesslich scheint
16«) IX, ep. 306. 310. X, ep. 440. — Andrerseits die tiefe Trauer, "wenn einer seiner Bekannten sittlicli zu Grunde ging: VIII, ep. 148.
16*) IX, ep. 306 a. E. — X, ep. 440 Au einen relegierten Studenten.
'■'O) Es war dies Gellerts Schwestersohn Gabriel Christlieb Meese, Sohn des Bürgermeisters zu Hainichen. Vgl. Seh. ep. 4 S. 17. Anm. 19.
1"') VllI, ep. 98.
1-2) VIII, ep. 118.
i'3) VIII, ep. 148.
"*) VIII, ep. 158. — Abermaliges Lob ep. 159. 160. 169.
1"^) Durch einen Brief an seine Korrespondentin Erdmuthe v. Schön- feld. Vgl. Seh. ep. 4 das Postscriptum und Seh. «p. 10.
i'6) Seh. ep. 4. — VIII, ep. 177.
— 46 —
die alte Liederlichkeit wieder ausgebrocben zu sein. Geliert be- richtet^") betrübt von ihm: „Er ist nunmehr, wie mir der Bruder o-eschrieben hat, von dem Königstein und unter des Ge- neral Borks Kompanie. Möchte er doch nun in sich gehen, Gott fürchten und besonders den Trunk meiden, bei dem man weder ein vernünftiger Mensch, noch viel weniger em Christ sein kann. Wir wollen für ihn beten und ihn ermahnen. Übrigens hat Geliert noch auf dem Sterbebette für den spater in Gemütszerrüttung gefallenen Unglücklichen gesorgt ' ).
Dass Geliert auch mit seiner geringen Habe materiell heltend einc^riff wo es galt, einen armen oder in Armut geratenen btu- dierenden zu unterstützen, sei nur kurz erwähnt. Einem seiner Zuhörer, dem Herrn v. Böse, der seine bisherige Wohlthaterin durch den Tod verloren hat, will er „heute noch'' schreiben und ihm hundert Thaler anbieten, die er in der Woche \^rher selbst erst geschenkt erhalten"''). Einem strebsamen Tuch- machergesellen aus Hainichen aber, der Fähigkeiten und JNei- gung zum Studieren besass und „voll Liebe zur Religion' war, verschafft er einen Konvikttisch und sichert ihm durch Bitt- schreiben au wohlhabende Leute jährlich zweiundsiebzig i haier baren Zuschuss^«°). So suchte er auch auf diesem Wege die Heranbildung christlicher Männer zu fördern. — Wie tief übricrens seine innere Teilnahme an Wohl und Wehe seiner jung^'en Freunde war, zeigen die zahlreichen kurzen Namens- und Besuchseiuträge in seinem Tagebuch '*0-
Auch auf andere Kreise wirkte Geliert in persöuachem Lm- aano-e ein Gekrönte Häupter suchten seine Bekanntschaft zu machen. Friedrich der Grosse liess ihn bei seinem Leipziger Aufenthalte im Winter 1760 zu sich rufen und unterhielt sich fast zwei Stunden mit ihm (am 11. Dezember). Geliert hatte vorher gebetet, dass er nichts wider die Religion und das Ge- wissen reden möchte, und machte durch Offenheit und Be- scheidenheit einen sehr günstigen Eindruck auf den Kunig ). Auch die preussischen Prinzen Karl und Heinrich unterredeteu sich mit ihm'*^). Nicht minder schätzte der sächsische Hot seinen Umgang. Die Prinzen Albrecht und Clemens liesseu ihn zu sich rufen und bewiesen ihm ebenso wie die Prinzessin
1-8) S Nota 171 — Geliert bestimmte, dass vod seiuem Nachlasse hundert Thaler au das Armenhaus nach Waldheim gezahlt Avurden, damit Meese zeitlebens daselbst bleiben könne.
1'^) VIII, ep. 192.
180) IX, ei>. 345. X, ep. 362. 367.
181) Z. B. Tgb. V. J. 61: 3., 7., 9. Jan., 3., 5., 9. Febr. i'*2) Seh. ep. 57.
183) Seh. ep. 77.
— 47 —
Christina in ihrer Unterhaltung „viel Gnade" ^'^). In welcher Weise der junge sächsische Kurfürst Friedrich August Gellerts Umgang suchte, ist oben gezeigt worden ^-^). Die Herzogin von Curland aber, bei welcher sich die vornehmste Gesellschaft Leipzigs versammelte, zog Gelierten wiederholt zur Tafel '^'^).
Durch solche Auszeichnungen, besonders durch die Unter- redung mit dem grossen Preussenkönig, wurde Geliert selbst- verständlich mit einer Menge hochgestellter Staatsmänner und Offiziere bekannt. Er verkehrte mit dem englischen Gesandten Mitchel, mit dem Marquis d'Argens, mit dem General Saldern, mit dem Lektor Le Cat'*"). Die Zahl der auswärtigen Besuche erreichte besonders Ende 1760 und im Jahre 61 eine unge- wöhnliche Höhe. Nicht ohne Empfindung des Humors liest man den Bericht: „Bald ein Offizier, bald ein blessierter Soldat, bald ein Kammermusikus, bald ein Legationsrat, bald ein blosser Sekretär, bald der Lektor des Königs; einer nach dem andern wollen die Ehre haben, mich zu sehen, d. h. mich zu stören" '*^}.
Wenn es wahr ist, dass der Mensch schon durch den äusseren Eindruck der Person auf den Nächsten einen religiös sittlichen Einfluss ausüben kann, so muss dies auch bei dem bezeichneten Verkehr Gellerts mit der vornehmen Welt gelten.
Mit den vornehmen Kreisen kam Geliert auch auf seinen Badereisen in Berührung, besonders bei seinem mehrmaligen Aufenthalte in Carlsbad '^''). Hier fand er viele Freunde und Gönner, insonderheit auch bei den Katholiken '■'^). Mit dem General Laudon ass er oft zusammen und setzte ihm eine kleine Bibliothek auf; vom General Ziethen wurde er beim Wieder- sehen umarmt, bei den gräflichen Familien Uhlefeld und Thun war er ein gern gesehener Gast. Besonders huldigten ihm auch die vornehmen Damen '^'j. — Es konnte nicht ausbleiben, dass
1*1) YlII, ep. 208. IX, ep. 292. Gramer, a. a. 0. X, S. 243. — S. ferner: Tgb. 27. Febr., 12. März: Markgraf Carl. — Tgb. 5. iiud 13. Febr.: Herzog uud Herzogin v. Holstein. — Seh. ep. 49: Herzog v. Braganza.
135) S. Nota 50.
186) Vni, ep. 158. 164.
i87j Vgl jig Briefe an Frl. v. SchiJnfeld aus dieser Zeit: Seh. ep. 55 ff., sowie im Tgb. imterm 5. und 9. Jan., 5. und 17. Febr. u. ö.
18^) Seh. ep. 55. — Noch eine weniger augenehme Folge der Unter- redung mit Friedrich d. Gr. stellte sich ein : „Wenigstens kommt itzt täg- lich ein Mann, der mich bittet, ihn vor den König zu bringen oder ihm die Bittschrift selbst zu überreichen oder ihm doch einen Kanal anzugeben; vmd alle gehen unzufrieden und böse von mir wieder fort." Seh. ep. 57. — Vgl. dazu Tgb. 13. Jan. 61.
189) I. d. J. 1753, 54, 03, 64.
190) Sch. ep. 82.
191) Über die gesellschaftlichen Berührungen Gellerts auf der Bade- reise V. J. 1763 siehe Sch. ep. 82 und den Bericht an Caroline Lucius IX, ep. 291; über die Eeise v. J. 1704 vgl. IX, ep. 320 an Carol. Lucius.
— 48 —
dieser Umgang Gellerts von religiösem Einfluss wurde. Denn dass ein so gefeierter Schriftsteller, der witzig und heiter sein konnte, sich doch zugleich als ein ernster Christ zeigte, konnte auch im Badeorte niemandem verborgen bleiben und erhöhte die religiöse Wirkung seiner Schriften. Bei vielen Eltern reifte der Entschluss, ihre Söhne nach der Leipziger Hochschule zu schicken, damit sie unter Gellerts wachsamem Auge studierten. Der Präsident des Reichshofrats aber, Graf Harrach, stellte bei seinem Weggange aus dem Carlsbade Geliert das rühmliche Zeugnis aus: „Ich habe Sie wegen Ihrer Schriften sehr hoch geschätzet, aber ich schätze Sie wegen Ihres Charakters und Ihrer Sitten noch weit höher ^^')." Mit manchen Badegästen kam Geliert auch wirklich auf religiöse Gespräche, so mit dem Geheimrat Wechmar aus Ausbach. Den gichtkranken Herrn von Zetlitz aus Schlesien aber besuchte er täglich mehrmals,- beschenkte ihn mit einem Andachtsbuche und tröstete den Ab- reisenden in ergreifender Weise mit Jes. 41, 10'^^).
Doch es waren keineswegs nur die vornehmen Kreise, denen Geliert religiöse Dienste leistete. Ebenso offen trat seine per- sönliche religiöse Wirksamkeit zu Tage, wenn ihn wirklich Unglückliche auf seiner Wohnung besuchten. So berichtet Geliert an Fräulein von Schönfeld von einem gewissen Wieler aus West- indien, der aus Amerika nach Leipzig gekommea war, wie er sagte, bloss, „um Hilfe und Religion bei Geliert zu suchen". Dieser aber fühlte die ganze Schwere der Aufgabe: „Ich elender Mensch! Wenn er seine Hilfe nicht bei Gott sucht und findet^ so hat er seinen Weg umsonst gethan und wird die ganze Welt vergebens durchreisen." Geliert würde ihm „für sein Leben gern" die innere Ruhe verschaffen, aber: „Gott nur kann sie ihm geben und von ihm muss er sie suchen und erwarten; erharren, aber nicht erzwingen; erbeten, aber nicht erreisen." Geliert hat ihm zu seiner Rückreise Geld vorgestreckt und auch andere Freunde für ihn gewonnen '■'*). — Ein junger, von der Mutter enterbter Edelmann, der seinen Offiziersrang und die Ehre verloren hatte, kommt, sittlich und materiell am Rande des Verderbens angelangt, und bittet, Geliert möge seine Mutter mit ihm aussöhnen ^^^). — Der durch seine zehnjährige Ge- fangenschaft in Magdeburg berühmte Baron Trenk besucht den Gewissensrat der Nation, um sich im Verkehre mit ihm in der Gewissheit zu stärken, dass das ausgestandene Unglück eine grosse Wohlthat Gottes sei.
192) IX, ep. 320.
193) IX, ep. 291.
1*1) Seh. ep. 102. 103. X, ep. 394.
195) Zärtliche Klagen eines Jünglings u. s. f. S. 19.
— 49 —
Und wer nicht selbst kommen konnte, wm-de von Geliert besucht. Gramer berichtet^®*'), wie sich Geliert in seinen ersten Leipziger Jahren eines sittlich verirrten Verächters der Heligion annahm, ihn leiblich pflegte und allmählich den Dahinsiechenden seelsorgerlich zu Gott führte. Auch späterhin besuchte er hilf- lose Kranke gern, tröstete sie und brachte ihnen wohl auch Wein zur Stärkung ^'''). Zu diesem Zwecke hielt er sich ein Verzeichnis derer, die seiner Unterstützung bedurften*^*). Konnte er selbst nicht ausreichend helfen, so bat er bei vermögenden Freunden für die Bedürftigen^^**). Von der selbstlosen Bereit- willigkeit Gellerts, in Not zu helfen, legt folgender kleine Zug Zeugnis ab. Als Christian Weisse zur Ostermesse 1766 durch einen untreuen Kopisten 2100 Thaler verloren hatte, eilte Geliert sogleich nach Empfang der Nachricht zum Freunde und bot ihm sein erspartes Begräbnisgeld an'-''^').
Auch an Auswärtigen suchte er christliche Liebes werke zu verrichten. So ergreift ihn das Schicksal des verarmten Witten- berger Professors Schröck, für den er sich beim Präsidenten des Oberkonsistoriums verwendet'-*'^). Er sammelt für einen blinden Jüngling in Dresden '°^), für einen dichtenden Schüler in Gör- litz -"•'). Vor allem aber erweist er den Armen seiner Vater- stadt Gutes. So oft er kann, legt er den Briefen an seine in Hainichen wohnende Schwester Geld für erwachsene Arme bei oder bezahlt durch sie das Schulgeld für arme Kinder '-°'^). — Was er an Geschenken erhielt, das verwaltete er stets nur als Haushalter, der andere damit beglücken solle. „Ich will gegen andere gutthätig zu sein suchen, wie es andre gegen mich sind, ohne Geräusche und stets aus Religion und Dankbarkeit gegen Gott, unsern höchsten Wohlthäter-*^''^)." Wie viele wahre Liebeswerke mag das christliche Herz Gellerts gezeitigt haben, die nicht überliefert wurden, und welcher religiöse Segen muss sie begleitet haben!
Es erübrigt noch zu zeigen, wie Geliert auch durch seine Briefe eine reiche religiöse Wirksamkeit entfalten konnte.
Der immer grösser werdende Ruf seiner akademischen Thätigkeit, der durch die Studierenden in alle vier Weltgegenden
" 196) Gramer, a. a. 0. X, S. 186 ff.
19^) Seh. ep. 20.
198) Gramer, a. a. 0. X, S. 278.
199) Sch. ep. 76: „auch folgt uoch ein Brief um ein Bittschreiben." — Gramer a a 0 X S 279.
200) Chr. Felix Weissens Selbstbiographie Lpz. 1806, S. 133.
201) X, ep. 426.
202) IX, ep. 286.
203) X, ep. 370.
204) VIII, ep. 178. IX, ep. 248. X, ep. 358. ep. 364. — VIII, ep. 160. X, ep. 421.
20^) VIII, ep. 194, vgl. IX, ep. 281. . .
— 50 —
fortgetragen wurde, sowie die wachsende Verbreitung seiner Schriften gewannen ihm auch eine Menge Fernstehender zu Freunden. Die Berühmtheit seiner gefälligen Briefe, die er an seine Freunde und Freundinnen richtete und die, gelegentlich nicht genug behütet, wider seinen Willen im Druck erschienen — z. B. der oben erwähnte Husarenbrief — , steigerte das Ver- langen vieler, mit ihm gleichfalls in schriftlichen Verkehr zu treten'-*^"). Man lebte ja in einem Zeitalter, das soeben die Entdeckung gemacht hatte, die deutsche Sprache sei derselben Anmut fähig wie die der Franzosen, und das nun bemüht war, den guten Geschmack im deutschen schriftlichen Ausdruck auf alle Weise zu fördern. Gellerts Korrespondenz nahm daher im Lauf der Jahre einen immer grösseren Umfang ein. Er hatte sich ein Diarium angelegt, in welchem die zu beantwortenden Briefe vermerkt waren-"'). Mehr als zehn schrieb er oft an einem Tage und verwandte selbst einen Teil seiner Ferien dazu, die zahlreichen Zuschriften zu beantworten. Kein Wunder, wenn ihm das Erwidern inhaltsloser Briefe, die rein aus Neugier ge- schrieben waren, sehr lästig wurde. So kam es, dass sich Geliert schliesslich den scherzhaften Titel „Dozent und aller Welt Correspondent" beilegen konnte-"*). Welch reicher Segen aber musste von seinen Briefen ausgehen, wenn sein ausgesprochener Wahlspruch war: „0 Gott, wie muss das Glück erfreun, der Ketter einer Seele sein!" Man hat Geliert mit Kecht einen allgemeinen Seelsorger und Gewissensrat der deutschen Nation genannt '-"'*).
Ein ganz besonderes Vertrauen genoss Geliert bei den höheren Ständen. Zahlreiche Offiziere, gleichviel ob aus Freundes- oder Feindesland, suchten seinen guten Rat. Ein um seiner christlichen Gesinnung willen in einen Zweikampf geratener und verwundeter Offizier sucht Trost bei ihm und befragt ihn um seine Meinung-^"). Ein anderer klagt sich an, dass er in Gesellschaft den Vergnügungen zu sehr nachhänge-"); ein Dritter will wissen, ob er seines Vetters Neigung zum Sol-
206) Solche Wünsche äusserten z. B. Freiherr v. Widmauu in Nürn- berg IX, ep. 217, ep. 221 und Mademoiselle Kirchhof in Cottbus IX, ep. 288.
20T) IX. ep. 314.
20S) IX, ep. 265. — Seh. ep. IIb klagt er: „Seit acht Tagen habe ich wohl zwanzig Briefe geschrieben und wohl etliche Thaler Postgeld aus- gegeben." — ix, ep. 295 : „Zehn Briefe werden kaum laugen, die ich heute schon geschrieben habe, und zwanzig liegen gewiss noch vor mir auf dem Tische unbeantwortet." — IX, ep. 315: Die Ferien haben soeben begonnen. „Nun will ich acht Tage Briefe schreiben, dann noch ein Werk der Religion verrichten und hierauf, wenn Gott will, einige Zeit aufs Land gehen." — VIII, ep. 166.
209) Chr. E. Luthardt, Eede am 13. Dezember 1869, S. 15.
210) Seh. ep. 25.
211) VIII, ep. 99.
— 51 —
datenstande uachgeben dürfe -^-). Ein preussiscber Hauptmann, der im Treffen abermals am Leben geblieben und nur leicht verwundet ist, wird von Geliert ermahnt, Gott nun umsomehr zu vertrauen-^"). Ein junger Offizier erhält bei seiner Abreise zum ersten Feldzug die Mahnung zu Gottesfurcht, zum Gebet und später die Aufforderung, sich ein ungekünsteltes Tagebuch anzulegen: Das helfe die Spuren der göttlichen Vorsehung dankbar bemerken -^^).
Doch war es nicht etwa der Offizierstand allein, mit dem Geliert in Briefwechsel stand. Ebenso oft musste er an andere hochgestellte Personen seelsorgerlich schreiben. Da lässt sich ein Herr von ** trösten, der „beinahe ein gleiches Schicksal" hat wie Geliert -^^). Ein anderer — er war Jurist — wartet schon lange auf ein Amt und muss zum Gottvertrauen ermahnt werden-^"). Ein dritter ist in beschwerlicher Stellung, wohl im Auslände; seine guten Absichten und Dienste werden verkannt; er kann das Yertraueu seines Prinzipals nicht erwerben. Geliert tröstet ihn mit dem Schriftwort Spr. Sal. 3, 5. 6.-^'). Ein junger Graf, früher Gellerts Hörer, fühlt sich in seiner Um- gebung nicht glücklich und bittet um Regeln, damit er Nach- sicht und Geduld mit den Fehlern der grossen Welt habe, in die er hineingestellt sei'-^^).
Auch Damen schrieben au ihn um Eat. Ein ungenanntes adliges Fräulein schreibt au Geliert, wie sie infolge von ein- samer Erziehung, grosser Weichlichkeit des Temperaments und Verlust der wenigen Freundinnen am Leben keine Freude mehr finde, und fragt an, vor welchen Gefahren sie sich am meisten zu hüten habe. Geliert fordert sie unter Berufung auf ihre Christeupflicht auf, gegen die Traurigkeit anzukämpfen, die noch gebliebene unvollkommene Freundin mit Geduld zu tragen und gern auf dieser Erde zu verweilen, so lange der Herr nicht selbst abrufe, da sie uns ja in allen ihren Geschöpfen zu Gott leite -^''). Ein anderes Mal tröstet Geliert eine Gräfin, welche in der Blüte ihrer Jahre die Last der Krankheit tragen musste--*').
212) IX, ep. 284.
213) VIII, ep. 205.
21-*) IX, ep, 255 und 278. Es Avar der junge Schönfeld. — Siehe auch Seh. ep. 98, wo der Brief eines sehr jugendlichen Leutnants erwähnt wird, der Geliert um Rat fragen will, aber leider vergisst, den Sachbetreff mit- zuteilen, — oder VIII, ep. 165, wo Geliert von dem jungen Grafen Dohna berichtet, der selbst kommt und um ein „Frauenzimmer, wie die Schwedische ■Gräfin oder Lottchen in den zärtlichen Schwestern'- bittet.
21^) X, ep. 432; er litt also wohl an Hypochondrie.
21G) X, ep. 369.
21') X, ep. 410.
218, IX, ep. 347.
219) IX, ep. 261, 262.
220) VIII, ep. 210.
— 52 —
Dann wieder berät er eine gnädige Frau, welcher „der ganze Plan ihres zukünftigen Lebens, der auf Kühe und Einsamkeit ging", vernichtet war, und ermahnt sie zu Geduld und Demut --^).
Auch um äussere Unterstützung wandte man sich an ihn. Eine Dame aus Abo in Finnland schrieb an ihn, ob er nicht ihr nebst ihrem Gemahl und etlichen Kindern in Sachsen ein; notdürftiges Auskommen schaifen könne---). Ein katholischer Professor aus Köln a. Eh. wünschte durch ihn „ein Stipendium oder eine Information" in Leipzig, um dort noch ein Jahr stu- dieren zu können '^-^). Auch flurch solche äussere Hilfe — her- vorgegangen aus Nächstenliebe und Pflichtgefühl — konnte re- ligiöser Nutzen hervorgehen, zumal Gellerts Briefe in derartigeit Fällen sicher christlichen Trost und Mahnung zur Antwort hinzufügten.
Bei der allgemein bekannten tief christlichen Gesinnung- Gellerts darf es nicht wunder nehmen, wenn man auf seinen Rat und seine Empfehlung viel gab. Geistliche, die in eine andere Stelle wollten, junge Freunde, die sich vor einem an- getragenen Amte fürchteten, schrieben an ihn--^). Zahlreiche Anfragen von Familien, die christliche Hofmeister, Bibliothekare oder Sekretäre suchten, oder, von Adligen und Standespersonen^ welche Pfarr- und Küsterstellen zu vergeben hatten, liefen bei ihm ein, und Geliert empfahl nur Freunde der Religion--^). Wenn er jemanden als solchen noch nicht völlig kannte, Hess er ihn öfter zu sich kommen und unterhielt sich mit ihm. Wurde er zu früh zu einem Urteil gedrängt, so musste einer seiner älteren Freunde erst ein günstiges Urteil abgeben -'-").
Wie viel Gutes man sich von seiner Empfehlung versprach^ zeigt die grosse Anzahl von Wünschen, die bei ihm schriftlich eingingen. So soll er einmal gleichzeitig beschaffen: eine Fran- zösin nach Kopenhagen, zwei Hofmeister — von denen aller- dings nur der eine ein Erzieher sein soll — , einen Professor (nach Zerbst), sodann einen Feldprediger, einen Sekretär und einen jungen Mann als Adjunkten (diese drei für den General Dohna) '--"). Ganz Deutschland und Dänemark muss er ver- sorgen; selbst Gesellschafterinnen soll er, der Unverheiratete,
221) IX, ep. 280.
222) Seh. ep. 98.
223) Ebenda; vgl. ferner Seh. ep. 76 die Bemerkung : „Auch folgt nocb ein Brief um ein Bittschreiben."
224) IX, ep. 331. VIII, ep. 186.
225) VIII, ep. 76: „frommes Herz." — Seh. ep. 75: „viel Religion." — Seh. Anhang Nr. 1 : Au die Gräfin Brühl. — Junge Theologen hörte er gern erst predigen, ehe er sie empfahl: Seh. ep. 87.
226) „Der vortreffliche Charakter des Herrn Professor Gellerts." S. 29. 22V) Seh. ep. 111». — Vgl. Seh. ep. 25. VIII, ep. 70. 97. 131. X, ep.
374. 379. 421. — Gellerts Verwendung für seine beiden Famuli Bock und Gödicke VIII, ep. 76. IX, ep. 321.
— 53 —
^empfehlen. Auf den Vitztliumschen Gütern aber gab es schliess- lich beinahe nur Geistliche, welche auf Gellerts Empfehlung gewählt worden waren --^). Bis auf die Besetzung erledigter Professuren an Hochschulen erstreckte sich sein Einfluss. Als in Wittenberg ein Lehrstuhl für Mathematik neu besetzt werden sollte, empfahl Geliert dem Oberkonsistorium einen christlich denkenden Bewerber-"-'-').
Auch des Briefwechsels mit seinen Freunden muss gedacht werden; denn auch da bot sich für Geliert willkommene Ge- legenheit zur Geltendmachung seines religiösen Einflusses. Auch hier wieder knüpfte sich das Band zwischen ihm und der Jugend. Viele seiner ehemaligen Schüler wünschten nach ihrem Weg- gang von Leipzig wenigstens im brieflichen Verkehr mit ihm zu bleiben, so ein Herr von Böse, den Geliert einen der glück- lichsten und dankbarsten unter seinen jungen Freunden nennt -^°). Auch Joh. Meinhard, der Reisebegleiter, und Mag. Brunner, ■der Repetent des Grafen Moltke, sowie Graf Scheel werden von Geliert mit stolzer Freude als seine „Schüler und Freunde" be- zeichnet. An den Grafen Ludwig Moltke aber schreibt er: „Ich liebe Sie, bete für Sie und bin zeitlebens der Ihre" -■^^). In Schlesien endlich erwuchs ihm durch seineu Schüler Christian Garve ein förmlicher Freundeskreis in den Familien Garve und Förster. Zu erinnern ist hier auch an die innige Freundschaft mit dem Grafen Moritz v. Brühl, auf dessen vierzehnten Ge- burtstag Geliert bereits ein Gedicht verfasst hatte und an den er später eine grosse Zahl von Briefen sandte--^-).
Hierzu kam die Menge seiner alten Freunde: Johann An- dreas Gramer, Elias und Adolf Schlegel, Gottlieb Wilhelm Ra- bener, Karl Christian Gärtner, Gottlob Leberecht Heyer. Mit den meisten von ihnen hatte Geliert früher an den „Belustigungen des Verstandes und des Witzes" und dann an den sogenannten „Bremer Beiträgen" gearbeitet. — In Schlesien hatte Geliert — abgesehen von den erwähnten Familien Garve -Förster — im Freiherrn von Craussen einen treu fürsorgenden Freund ■-•^^), durch dessen grossmütige Gaben er seiner hochbetagten Mutter in Hainichen viel Freude bereiten konnte. In Dresden aber besass er seit seiner Korrespondenz mit Caroline Lucius, der Tochter des Geheimen Kabinettsregistrators, einen sich stets vergrössernden Bekanntenkreis, der mit dauernder Begeisterung den brieflichen Verkehr mit dem Leipziger Professor pflegte.
228) IX, ep. 286. Seh. ep. 22. 87.
229) X, ep. 426. Er hiess J. J. Eberfc und ist nicht zu verwechseln mit J. A. Ebert, bei dem Geliert das Englische erlernt hatte.
230) VIII, ep. 204. — Vgl. überdies VIII, ep. 142, 186. IX, ep. 247.
231) IX, ep. 307. — ep. 314. 287. 301.
232) Die Geliertausgabe v. J. 1867 enthält 24.
233) VlII, ep. 18. . .
— 54 —
Seine Freundschaften schloss Geliert in echt christlichen^ Geiste „für zwo Welten" -=^*); die Freunde aber fühlten sieb auch durch etwas anderes unlösbar an ihn gefesselt: „es war bei der Freundschaft, die man für ihn hatte, nicht nur das» was sich bei jeder wahren Freundschaft findet, sondern noch etwas Grösseres und Eigentümlicheres, etwas gleichsam Brennen- des und beinahe Enthusiastisches, welches von dem lebhaften Gefühl aller Vorzüge entstand, die aus seinem Herzen, seinen Reden und Handlungen hervorleuchteten: Dieses riss selbst die- jenigen hin, die weniger genau mit ihm verbunden waren" -•^^)^
Diesen Freunden brachte Geliert allezeit eine herzliche An- teilnahme an Freud und Leid entgegen. Dem Freund von Böse macht er Mut, ein ihm angetragenes Amt anzunehmen, und wünscht ihm zur erhaltenen Domherrnstelle von Herzen Glück -^*^),- Den Freiherrn von Rochow tröstet er bei dem Verlust seines Vaters und versichert ihm seine innige Mitfreude an der Ge- nesung von schwerer Krankheit'"^). Und wie er hier die Hei- lung eine von Gottes Barmherzigkeit gewirkte nannte, so fehlte es auch den andern gegenüber nicht an religiösen Gedanken. Einem Vetter, der ihm seine verdriesslichen Umstände klagte» schreibt er-'^*): „Nichts ist in unsern Umständen so geringe, das nicht unter der Regierung der Vorsehung stünde.'' Mit demselben Gedanken tröstet er den Kommissionsrat Wagner aus Leipzig, der, von ernstlicher Krankheit befallen, auswärts Hei- lung suchte ■-■^^) ; und auf göttlichen Trost und Hilfe verweist er den Freiherrn von Craussen, der um falscher Beschuldigung- willen lange im Gefängnis liegen musste-^°), oder den treuen Freund Förster, der seine Tochter verloren-*^), und einen Frei- herrn von K*, der den Verlust seiner Gemahlin beklagte 2*^). Tief ergreifend ist besonders der Erbauungsbrief, den er seinem an der Auszehrung sterbenden Freunde und früheren Schüler Häseler ans Sterbelager sendet'-'*^).
234) VII, 147 MV24.
235) Ernesti, a. a. 0. S. 34. — Diese Schilderung der innigen Freund- schaftsbande zeigt, dass man jene Zeit mit Recht eine Periode der Em- pfindsamkeit nannte. — Vgl. auch Liebich, Empfindungen u. s. f. S. 14.
236) VIII, ep. 186. IX, ep. 247.
237) IX, ep. 321. X, ep. 420. — Auch ergänzt er dessen Bücher- verzeichnis durch christliche, nützliche Titel; denn Herr von Rochow hatte ihn gefragt: „Was lese ich und wie soll ich lesen, dass ich weiser und besser werde?" IX, ep. 253. 250.
238) VIII, ep. 68.
239) VIII, ep. 172. 2-«o) IX, ep. 344.
241) X, ep. 372. 373.
242) X, ep. 411.
243) VIII, ep. 185. — Geliert vergass auch seine verstorbenen Freunde^ nicht. Tief trauerte er z. B. um den noch jugendlichen Hofrat Cronegk in Ansbach, der sein Schüler gewesen. VIII, ep. 146. 147. 151. 157.
— 55 —
Auch christliche Ermahnungen finden wir in den Briefen an seine Freunde und Verwandten. Seiner Schwester Sohn soll in seiner Arbeit treu bleiben und an sich erfahren, dass Gebet und Arbeit niemanden verlässt -**). Der Graf Moritz von Brühl soll im Angesicht des Hofes über alle falschen Reize der Wollust und falschen Ehre durch Weisheit und durch den Zuruf eines empfindlichen Gewissens triumphieren und sich keinen Augen- blick in seiner Glaubensgewissheit beirren lassen ■-^^). Ein Herr B** wird gemahnt, für das ewige Seelenheil der ihm unter- gebenen jungen Leute zu sorgen -***). Ein Freund aber, der als dänischer Konsul im Heidenlande lebt, soll womöglich den Heiden seines Ortes das Evangelium bringen-^').
Es sei noch vergönnt, von den dauernden freundschaftlichen Beziehungen zu sprechen, welche Geliert mit der gräflich Vitz- thumschen Familie und mit der schon genannten Caroline Lu- cius pflegte.
Seit November 1758 bis in sein letztes Lebensjahr korre- spondierte Geliert mit Joh. Erdmuthe von Schönfeld, deren Mutter sich in zweiter Ehe dem kursächsischen Generalleutnant der Kavallerie Grafen Vitzthum von Eckstädt auf Wölkau ver- mählt hatte. Hundertneun Briefe Gellerts an jenes Fräulein sind durch die Veröffentlichung im Jahre 1861 wieder zugänglich geworden und zeigen uns, wie er bei seiner Gabe, sich tief in die Interessen anderer einzuleben, alles nochmals erlebte, was im Vitzthumschen Hause vorkam ; sie beweisen uns aber weiter, dass er auch hier seiner Pflicht und Gewohnheit, religiös zu wirken, nicht untreu wurde. Freilich, die Religion des Kreuzes zu verteidigen hatte Geliert in diesem Falle nicht nötig, da seine Korrespondentin einem ernst christlichen Haus angehörte. Dafür aber empfiehlt er Erdmuthen eine Menge guter Bücher. Neben Richardsons Sitten- und Familienroman Grandison und moralischen Wochenschriften werden Cramers Psalmenübersetzung, sowie von Mosheims und Jerusalems Reden gelobt, ganz be- sonders auch Mosheims Sittenlehre, eins der ,, Leibbücher •' (jrellerts "-**). Ausserdem überschickt Geliert seiner Korrespou- dentin von Zeit zu Zeit christliche Erbauungsschriften -^^). Es entsprach dies ja ganz seiner Ansicht, dass man in der Religion nicht stehen bleiben dürfe, sondern Fortschritte machen müsse.
244) VIII, ep. 184.
245) VIII, ep. 57. 89. 2-1«) VIII, ep. 71.
2*^) IX, ep. 275. „Auch nur eine einzige Seele glücklicii zu machen, ist (las nicht die höchste That eines Menschen? Und kann diese That nicht Ihrem guten, liebreichen und christlichen Herzen . . . vorbehalten sein?"
248) Seh. ep. 10. ep. 38.
249) Seh. ep. 29. 92. 107. 108.
— 56 —
Auch auf Erdmutliens Bruder"^'') erstreckte sich Gellerts Für- sorge. Kirchmanns kleine Schriften soll ihm die Schwester schenken ; denn, „wenn er die — voranstehenden — Maximen der Weisheit und Religion oft liest und täglich auszuüben versucht, so wird er mit Gott ein sicheres Mittel haben, seinen Ver- stand und sein Herz in der grossen Welt unverderbt und un- befleckt zu bewahren"'. Er soll ferner beim ersten Feldzug lesen, was Spr. Sah 2 — 3 geschrieben steht. Denn diese „enthalten den Weg, wie man zur wahren Weisheit oder zur lebendigen Er- kenntnis und Ausübung der Religion und Furcht Gottes ge- langen kann." Mit Ps. 119, 9 wird er zur Gottesfurcht ermahnt, die besonders zur Erfüllung der Soldatenpflicliten nötig sei, und aufgefordert, sich ein ungekünsteltes Journal zu halten, weil dasselbe neben anderen Vorteilen oft Anlass biete, „so mannig- faltige Gefahren der Gesundheit, des Lebens und Gewissens und bei Errettung aus diesen Gefahren die Spuren der göttlichen Vorsehung dankbar zu bemerken" ■-■'^^).
Ungefähr zwei Jahre später begann Caroline Lucius ihren Briefwechsel mit Geliert, der uns einen reichen Einblick in ein Dresdener gut bürgerliches Haus thun lässt. In rascher Auf- einanderfolge reiht sich Brief an Brief und die Regelmässigkeit wird nur von den Reisen unterbrochen, welche die genannte Dame nach Leipzig unternimmt, um den lieben Herrn Professor mit zu besuchen. Das lebensfrische Mädchen, das fünf Jahre nach Gellerts Tode Gemahlin des Pastors Gottlieb Schlegel in Burgwerben bei Weissenfeis wurde, wird im Laufe ihres brief- lichen Verkehrs sichtbar religiös angeregt und beeinflusst. Sie geht Geliert um Entscheidung an, ob sie den zweiten Teil von Kousseaus Emil lesen darf, und Geliert rät ihr nach reiflicher Erwägung davon ab. Er selbst hat von dem Buche nur die Vorrede gelesen. „Allein, wenn seine Weisheit im ganzen sich nicht mit der Religion verträgt, wie man ihm Schuld giebt, und auch nur einer einzigen Wahrheit der heiligen Schrift widerspräche, so entbehre ich sie mit grosser Zufriedenheit und werde, so lange mich zuverlässige Richter nicht das Gegenteil lehren, andere lieber bitten, das Werk nicht zu lesen -'^^)." Später beantwortet er in einer Reihe von Briefen ausführlich Carolinens Anfrage, wie sie einen jungen Mann, der „über einige der Hauptwahrheiten der christlichen Religion in Zweifel und dann in Irrtum geraten" ist, bessern könne. Geliert meint, da. der- selbe durch ein gefährliches Buch zum Irrglauben verführt worden
250) Erdmuthe hatte zwei Brüder: Adolf (geb. 43) uüd Friedrich (geb. 44). Hier ist wohl der Letztere gemeint, welcher sich dem Soldatenstande widmete und 1767 Oberwachtmeister wurde.
351) IX, ep. 255 und 278. — Seh. ep. 59. 80.
252; IX, ep. 272 und 273.
— 57 —
sei, werde er sich vielleicht durch ein gutes Buch wieder zurück- bringen lassen. Darum soll er das Neue Testament unter Be- herzigung von Spr. Sal. 2, 2—7 oft und viel lesen. Geliert «mpfiehlt ihm eine ganze Reihe von neuen apologetischen Schriften — meist Übersetzungen aus dem Englischen — zur eifrigen Lektüre, hält aber zur rechten Zeit damit inne, als er merkt, dass der Irrgläubige seiner Lieblingsmeinungen, wenn sie niemand mehr bestreite, satt werden und sie mit besseren ver- tauschen werde -''^■'). Bis zu seinem letzten Krankenlager hat Oellert an Caroline Lucius geschrieben und in einem seiner letzten Briefe-''*) tröstet er sie in christlicher Weise über den Verlust ihres Bräutigams, mit dem sie gänzlich hatte „brechen" müssen.
So finden wir Geliert auch bei seinem Briefwechsel allezeit in religiöser Wirksamkeit begriffen. Nur mit Zuhilfenahme aller freien Augenblicke und unter Anwendung grosser Selbstbeherr- schung konnte es ihm möglich werden, diese Thätigkeit fort- zusetzen; denn sein schweres körperliches Leiden gönnte ihm nur wenig gesunde Tage-"'"').
Nach den bisherigen Darlegungen wird es lehrreich sein, die Erfolge zu zeigen, welche Gellerts religiöses Wirken gehabt hat. Allerdings kann dies nur sehr mangelhaft geschehen, da es ganz unmöglich ist, ins Herz der Tausende und Zehntausende 2u blicken, mit welchen Geliert als akademischer Lehrer, als Schriftsteller oder im Privatverkehr in Berührung gekommen ist. Aber wir können doch aus einer Reihe einzelner Erscheinungen sowohl bei Lebzeiten, als auch bei und nach dem Tode Gellerts eine Vorstellung von dem erfolgreichen religiösen Wirken ge- winnen, welches dieser Mann unfraglich im grössteu Umfange ausgeübt bat.
Geliert konnte die Erfolge seines religiösen Wirkens nock selbst erleben. Zunächst im Kreise seiner akademischen Hörer, besonders derjenigen, die ihm in seiner Wohnung persönlich näher traten. — „Gott erhalte Sie gesund und lasse Sie noch lange Tugend und Religion einer Jugend einpflanzen, die auf unsern Akademien sonst leider auf Gelehrsamkeit fast allein an- geführet wird!" diesen Wunsch sandte Professor Heyne aus Göttingen -■^•^), und die akademische Jugend fühlte grossenteils dieses Verdienst Gellerts. Die Liebe und Ehrerbietung der Stu- denten gegen ihn war ausserordentlich gross -■''). Die vielen
253) Vgl. IX, ep. 325 bis ep. 329 und ep. 333 bis ep. 337.
254) X, ep. 424, vom 16. Nov. 69.
255) Dies war der Grund, weshalb Geliert spätere Anträge auf Brief- "wechsel ausschlug, z. B. IX, ep. 288.
256) X, ep. 360.
257) Gramer, a. a. 0. X, S. 2-52. Goethe, Dichtung und Wahrheit, 6. Buch. Hempel, XXI, S. 32.
— 58 —
Thränen, welche in seinem Hörsaal flössen 2^''), sind ganz gewiss nicht das Zeichen einer erheuchelten, sondern der Beweis einer wahren, tiefen Ergriffenheit, die sich mitunter des gesamten Auditoriums bemächtigte. Cramer nennt -•^^) den Nutzen, welchen die moralischen Vorlesungen hatten, einen so sichtbaren, dass er auch Geliert selbst nicht verborgen bleiben konnte. Mathesius berichtet aus eigenster Erfahrung — er war Archidiakonus an der Nikolaikirche — , dass Gellerts Andacht bei der Vorlesung der öffentlichen Kirchengebete viele, also Bürger und gewiss auch Studenten, zur Nacheiferung veranlasst habe -'^^ Christian Garve aber sprach sich über das, was er Geliert verdanke, so aus^^^): „Ich habe es beständig als eine der grössten Wohlthaten von Gott erkannt, dass er mich in Ihr Haus und in Ihre Bekannt- schaft gebracht hat. Nicht bloss Ihr Unterricht, Ihr Rat, Ihre Fürsorge für mein Glück, sondern noch vielmehr der starke und beständige Antrieb, den ich zur Ausübung meiner Pflichten in dem Wunsche und in der Hoffnung, Ihre Gewogenheit und Ihren Beifall zu erhalten, gefunden habe und immer ünden werde, dieses ist ein Geschenk der Vorsicht, die meine schwache Tu- gend dadurch unterstützen und befestigen wollte. Ich erinnere mich niemals der Stunden, die ich bei Ihnen zubrachte, ohne
Gott dafür als für die glücklichsten meines Lebens zu danken
Ja! teuerster Herr Professor, wenn ich jemals so unglücklich wäre, den Gedanken einer schlechten und unedlen Handlung zu haben, so würde die Erinnerung an Ihre Freundschaft die Tu- gend augenblicklich wieder in mein Herz zurückrufen." Solchen begeisterten Versicherungen begegnen wir öfter -^-). Ein Herr B*^*' bestätigte brieflich, dass Geliert seinem verstorbenen Bruder, der erst kürzlich die Universität und Gellerts Hörsaal verlassen hatte, noch im Tode durch seinen Unterricht heilsame Dienste geleistet habe -^"), und der sterbende von Häseler giebt in seinem letzten Brief an Geliert seinem Danke den erhebendsten Ausdruck; er denkt an den nahen Himmel:
„Da will ich dem den Dank bezahlen, Der Gottes Weg mich gehen hiess. Und ihn zu Millionenmalen Noch segnen, dass er mir ihn wies"-''^). Der Kurfürst von Bayern endlich hatte sich Vorlesungen der Leipziger Professoren schicken lassen und war, wie Gellerts ¥&-
258) Gramer, a. a. 0. X, S. 268. — S. auch Jördens Lex.
259) Gramer, X, S. 257.
260) Mathesius, a. a. 0. S. 49.
261) X, ep. 378.
262) Gramer, a. a. 0. X, S. 23-5. Dankbares Andenken aufrichtiger Freunde u. s. f. S. 9.
263) X, ep. 437.
264) VIII, ep. 189.
— 59 —
muliis Gödicke berichtet, durch die AusführiiDgeu Gallerts „von der Beschaffenheit, dem Umfange und dem Nutzen der Moral" so gerührt worden, dass er sich dieselben wiederholt abends vor- lesen liess und sie seiner Akademie der Wissenschaften zur Drucklegung übergab, damit der Inhalt „gemeinnützig" würde -^'%
Um aber einen recht sichtbaren Beweis von Gellerts un- mittelbaren Erfolgen zu geben, mag hier die köstliche Scene Platz tinden, welche uns ein Ausländer, der Gellerts Hörer war, überliefert haf-*'*^): .,Ich muss doch Euren alten Tröster, von dem Ihr so viel Wesens macht, hören", sprach einmal ein roher Knabe von einer fremden Akademie blasphemisch witzig. Der Unbärtige, dem es von ungefähr eingefallen war, Freigeist zu werden, tritt mit einem ungeheuren Hute, einer frechen Stirn und unverschämter Miene, fürchterlich durch seinen Raufdegen, in den Hörsaal des Weisen. Er steht eine Weile. — „Ist das Geliert?*' fängt er an. Ja, sagte ich, das ist der Mann, den Sie das Herz gehabt haben zu lästern. „Ich weiss nicht", fährt er fort, „wie mir wird. Man kann dem Geiste, der aus diesem Menschen spricht, nicht widerstehen ; er bemächtigt sich der ganzen Seele. Vergeben Sie mir, dass ich von einem Manne übel sprach, den ich nicht kannte!" Ich kann Ihnen gern vergeben, war meine Antwort; ist es aber möglich, dass Sie sich selbst vergeben können? Der Poltron ward so fromm als wie ein Kind. Dieser Jüngling ist seitdem ein wackerer Mann geworden. — Bekannt ist von Geliert auch, dass es ihm allein gelang, die im September 1768 sehr unruhig gewordenen Studenten durch die Macht seiner Rede zu beschwichtigen'-^'). Als er ein Jahr später auf dem Sterbebette lag, war seine Wohnung von Stu- denten umlagert, weil „das schwarze Brett" Nachrichten über seine Krankheit brachte -^^) — gewiss auch ein Beweis von Anhäng- lichkeit, der auf Gellerts religiöses Wirken zurückschliessen lässt.
Dass natürlich unter der Menge von Hörern gelegentlich auch solche waren, die es mehr auf Zeitvertreib und Belustigung als auf Besserung ihres Herzens abgesehen hatten, wie Geliert selbst merkte-**^), dass einzelne in seiner Fürsorge für die vor- nehmen Dänen eine ungerechte Bevorzugung erblickten-'"), oder dass ein durchreisender Franzose voreilig von ihm urteilte -'^^): Laissez-le faire, il nous forme des dupes, ist begreiflich und kann das Gesamturteil über das erfolgreiche religiöse Wirken Gellerts nicht wesentlich beeinflussen.
^^=) Seh. ep. 104, Beilage von Gödickes Hand.
26«) Empfindungen eines Ausländers u. s. w. S. 21 f.
267) Cramer, a. a. 0. X, S. 253. — X, ep. 402 u. 444.
*^®) Zärtliche Klagen eines Jünglings u. s. f. S. 9.
269) Ernesti, a. a. 0. S. 16.
2TO) Goethe, Dichtung und Wahrheit, 7. Buch. Hempel, XXI, S. 76«
271) Ebenda.
— 60 —
Wie hoch die Angehörigen der jungen Männer den religiös- sittlichen Einfluss Gellerts schätzten, erkennt man aus den häu- figen Geschenken, die bei dem Leipziger Professor eingingen. Die Gräfin Schulin in Kopenhagen beschenkt ihn mit Thee, weil ihr Sohn Gellerts Hörer ist---). Eine Frau von Campen- hausen aus Livland sendet zum Dank für Gellerts Lieder, vor allem aber, weil ihr Sohn Gellerts Hörer gewesen, zweihundert Thaler -'^^). Ein glücklicher Vater in London, dessen Sohn vor drei Jahren zu Gellerts Füssen gesessen hat, nun aber von Reisen zurückgekehrt ist, schickt einen Wechsel von hundert Thalern -•^).
Lässt sich ein solcher Einfluss noch überbieten? Es scheint kaum möglich, und doch wird man fast geneigt, die religiösen Erfolge, welche Geliert in anderen Kreisen des Volkes durch seine Schriften und Briefe sowie durch seinen persönlichen Um- gang erzielte, für noch grösser zu halten.
Dass sich Caroline Lucius bemühte, jenen jungen Menschen, der durch das Lesen aufklärerischer Schriften vom rechten Glauben abgewichen war, wieder zurecht zu bringen-'^), war ein ungesuchter Erfolg Gellerts. Dass die Gräfin Vitzthum auf ihren Gütern nur treffliche und fromme Geistliche anstellte, welche Geliert empfohlen hatte-'*'), hat gewiss für Hunderte Segen gebracht. Unter der Hochflut von schriftlichen und münd- lichen Beifallsbezeugungen, welche von Leuten aus allen Ge- genden Deutschlands und aus dem Auslande eingingen, finden wir eine Menge glaubwürdiger Berichte von Personen, welche die Besserung ihres Herzens auf Gellerts Schriften zurück- führten-'''). Da lässt ein Witwer Geliert seinen Dank für den Trost aussprechen, den die „Geistlichen Lieder" seiner sterbenden Gemahlin noch im Tode erwiesen haben-'*}. Ein österreichischer Hauptmann sagt dem ,.von der halben Welt" Verehrten für seine Schriften treuherzigen Dank-'^). Leopold Mozart, der
2T2) Sch. ep. 83.
273J Yiii^ ep. 154. Im ganzen waren es 300 Thaler; 100 waren für Gellerts Leipziger Bruder bestimmt.
274) VIII, ep. 158.
2-5) Siehe unter Note 253.
2-6) IX, ep. 286.
277j Ausser den im folgenden gebotenen Beispielen vgl. Gellerts Ant- worten: IX, ep. 213. 332. 348, und die Andeutung Sch. ep. 63: „Auch schicke ich Ihnen ein französisch Billet, das ich mit der Post erhalten, ohne zu wissen von wem, und das mich deswegen beunruhigt, weil ich fühle, dass michs nicht erfreut."
2"8) ,, Vollständige Sammlung der Gedichte, welche der Tod"' u. s. w. S. 139 Anm. Es war dieser Witwer einer von den wenigen Bescheidenen, welche die gegebene Gelegenheit, mit Geliert in Briefwechsel zu treten oder wenigstens ihrerseits an ihn zu schreiben, nicht ausnützten.
279) IX, ep. 259 und 260.
— 61 —
Vater des Wolfgang Amadeus, empfiehlt seinen Freunden Gellerts Schriften und bietet dem Dichter in einem Dankbrief seine Freundschaft an '■^^°). Aus Amerika aber schreibt einer, der sich bisher nicht um Gott gekümmert, an Geliert, dessen „Trost- gründe wider ein sieches Leben" ihn zur Eeligion zurückgeführt hatten, und bittet um Kegeln, wie er sein künftiges Leben ein- richten und Gott versöhnen solle'"').
Andere sagten ihm ihren Beifall mündlich. Major Quiutus versicherte: „Ich bin Ihr Freund und ein grosser Verehrer Ihrer Schriften" '-^-). Der Held des Husarenbriefs besuchte Geliert und bot ihm von seiner Beute bei Zorndorf etliche Rubel, her- nach ein Gewehr an aus grosser Liebe zu seinen Schriften-^"). Ein preussischer Feldwebel aus Livland hatte, aus tödlicher Verwundung genesend, im Hause eines böhmischen Doktors Gellerts Schriften gefunden und wohl zwanzigmal durchgelesen. Auf der Heimreise machte er einen Umweg von fünf Meilen, um Geliert zu sehen und ihm zu sagen: „Sie haben mich oft vom Bösen abgehalten und zum Guten ermuntert. Ach, das sei Gott im Himmel gedankt und Ihnen. Er segne Sie dafür und gebe Ihnen Gesundheit und ein langes Leben und das ewige Leben" -^^). Auch die sächsische Prinzessin Christine versicherte ihm, dass sie die „Trostgründe wider ein sieches Leben" während ihrer Krankheit mehrmals gelesen und sich durch sie beruhigt gefühlt habe'-^-^). Nach seiner Rückkehr von einer Karlsbader Reise konnte Geliert berichten: „Alle Menschen haben mir, wo sie mich sahen, Gutes über Gutes gewünschet und die meisten mir für meine Schriften, insonderheit für meine Lieder, oft und viel gedanket" '-^*^). — Major von Kleist aber dichtete verfrüht auf Gellerts Tod die rühmlichen Worte:
„Als dich des Todes Pfeil, o Geliert! jüngst getroffen. Klagt' ich und weint' und sah den Himmel plötzlich offen; Auch den belebten Raum der weiten Welt sah ich: Die Erde weinete, der Himmel freute sich" -^^).
Wie dem akademischen Lehrer, so gingen auch dem Schrift- steller Geliert zahlreiche Geldspenden zu, durch die man sich ihm, der nur geringen Jahresgehalt bezog, für den religiösen Gewinn aus seinen Werken dankbar erweisen wollte. Ein junger preussischer Offizier, der eben eine Erbschaft angetreten, reist
280) Vgl. X, ep. 431.
2S1) Zärtliche Klagen eiues Jünglings u. s. f. S. 16. Diesen Brief las Geliert im Hörsaal vor.
282) Sch. ep. 53.
283) VllI, ep. 165. 28*) IX, ep. 298.
285) IX, ep. 292 Nachtrag.
286) IX, ep. 291.
287) VIII, ep. 146. 151.
— 62 —
durch Leipzig, besucht Geliert, sagt, class er ihm wegen seiner Schriften unendlichen Dank schuldig wäre — dieselben hätten sein Herz gebessert — und nötigt dem sich Sträubenden em Papier mit zwanzig Louisdoren förmlich auf"-**). Eine Dame giebt beim Famulus einen Brief und ein Arzeneischächtelchen ab, welches mit Louisdoren gefüllt war; Geliert kann, da der Brief leer ist, die Geberin nicht in Erfahrung bringen-*»). Im Kriet^sjahre 1760 aber laufen binnen acht Tagen zweimal je hundm-t Thaler mit der preussischen Post aus der Magdeburger Gegend ein, begleitet von wenigen Zeilen „voll grosser Liebe und Ergebenheit", die Geliert „bis zu Thränen" demütigen -»<>). Herr von Rochow auf Rekahn sowie der als Geber nie ent- deckte Graf Moritz von Brühl in Warschau Hessen Geliert sogar freiwillige, bedeutende Jahresgehälter zukommen-»^), und der Freiheri" von Craussen in Schlesien erteilte die zurückgewiesene Jahresgabe Gellerts hochbetagter Mutter-»-). — Manche gaben ihrem Danke anderen Ausdruck. Eine Frau von Falkner schickt ihm aus Basel eine Schachtel voll selbstgebackenen Pfeffer- kuchen -»^). Vom Generalleutnant Grafen Vitzthum kommt wiederholt Brennholz für den Winter, einmal ein sechsspänniges Fuder ''•"^). Andre Freunde suchen ihn durch Sendung von Wem
zu erfreuen-»^). , . , tt r
Sehr freundlich stellte sich auch der sächsische Hol zu Geliert. Die Kurfürstin wollte im Jahr 1758 aus ihrer Privat- schatulle die doppelte Pension an ihn zahlen, als von der er- schöpften Staatskasse die Gehälter nicht regelmässig ausgezahlt werden konnten. Es geschah dieses Anerbieten, welches Geliert mit patriotischer Uneigennützigkeit ausschlug, auf die Verwen- dung der Vitzthumschen Familie hin. Sechs Jahre später, als die Pensionen infolge des eben erst beendigten Krieges noch nicht gezahlt werden konnten, erhielt Geliert ,,vou der guten Kurfürstin" zweihundert Thaler als willkommene Gratifikation-» ). Als Ende 1768 die Schecke starb, welche Geliert durch Herrn von Kaikreuth aus dem Marstall des Prinzen Heinrich von Preussen erhalten hatte, schickte ihm der Kurfürst ein licht- braunes Pferd, das er erst auf dem Schlosshof probieren liess, ob es nicht scheute-»').
28S) VIII, ep. 66. — Seh. ep. 25.
289) VIII, ep. 162.
290) VIII, «p. 192 und 194. - Seh. ep. 45.
291) IX, ep 256. 304. 311. — Seh. ep. 2<. \III, ep, 178. 180. 29^) VIII, ep. 14. 16. 19. 72. 167.
293) Sch. ep. 12.
294) Seh. ep. 76. 104.
295) VJII, ep. 21. - Tgb. V. J. 61 vorn.
296) VIII, ep. 161. — IX, ep. 330. .,^ , u iis 29-) X, ep. 406. 413. Geliert konnte es leider nicht gebrauchen : ep. 418.
— 63 —
Auch der Feind schätzte Gellerts Verdienste. Seine Wohnung in Leipzig und sein Geburtsort blieben fast ganz von Einquartierung verschont, und der General Hülsen liess dem Rate zu Hainichen sagen, dies geschehe aus Wolilwollen gegen den Professor Geliert und seine Schriften ■-^^). Als einst Leipzigs Thore verschlossen ■waren, durfte dieser allein den Versuch wagen, durch die preussischen Posten hindurch Briefe nach auswärts zu schicken -'•**). Und auf einer Fahrt nach Bouau zur Familie von Zedtwitz be- wirteten ihn preussische Offiziere, und die Vorposten erhielten Befehl, den Postwagen mit dem Professor nicht anzuhalten •''^"). — Selbst im katholischen Österreich erkannte man die ausser- gewöhnliche Segensfülle, welche von Geliert ausging, und be- freite seine Bücher von der strengen Censur, welche unkatho- lische Schriften sonst traf "*^^). — Die Stadt Leipzig aber hatte durch besonderen Ratsbeschluss ihrem grossen Mitbürger ge- stattet, zu seiner Erholung im Rosenthal zu reiten, was sonst niemandem erlaubt war"''-).
Dass das niedere Volk Geliert ebenfalls reichen Segen ver- dankte, ist gewiss, wenn auch weniger Zeugnisse darüber auf uns gekommen sind. Doch fehlen sie nicht ganz. Ein Bauer, der nicht schriftlich danken kann, bringt den Beweis seiner Er- kenntlichkeit in einem Fuder Holz vor Gellerts Thür^*'-'), ein fremder Käsehändler beschenkt den Dichter für seine Schriften mit Parmesankäse ^"*), und die schmutzbedeckte Postmagd im Karlsbade küsst ihm für seine Scliriften dankbar die Hand""'^). Wohl nur durch mündliche Überlieferung hat sich erhalten, was Leo (im „frommen Leben Gellerts" S. 32) berichtet, dass nämlich der poetisch und stilistisch schlechte Vers:
„Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben!" von guter Wirkung auf fluchende und trinkende Maurergesellen- gewesen sei'^^*'), und dass die zwei Zeilen:
„Ach Gott, wie muss das Glück erfreu'n. Der Retter einer Seele sein!"
299j Sch. ep, 53. Gramer, a. a. 0. X, S. 237. — Nach Hubers Lob- schrift S. 37 wurde Haiuichen auch durch deu Prinzen Heinrich aus Ach- tung für den Herrn Geliert von einer Kontribution befreit.
29^') Sch. ep. 19. Die Gemalilin des preussischen Stadtkommandanten war seine ,, grosse Gönneriu".
300) VIII, ep. 190.
301) IX, ep. 301.-
302) Fricke, Rede u. s. f. S. 7.
303) Koch, Geschichte des Kirchenlieds und Kirchengesanges. 3. Aufl. Art.: „Geliert".
30*) Sch. ep. 93.
305) IX, ep. 291.
306) II, 141. _ Vgl. Luthardt, Rede am 13. Dezember 1869, Aum. 15.
— 64 —
einem etwas zaghaften Christen Mut gemacht hätten, seine Mit- reisenden, die im Postwagen unsittliche Gespräche führten, auf das Eine, was not ist, hinzuweisen.
Und wem etwa die Augen über Gellerts Erfolge bei desse» Lebzeiten noch nicht aufgegangen waren, der hatte Gelegenheit,, das religiöse Verdienst dieses Mannes nach seinem Tode zu er- messen. Im Dezember 1769 und in den nächsten Jahren er- schien eine wahre Sintflut von Schriften über Gellerts Tod, welche sich aus der Schreibseligkeit des Jahrhunderts allein nicht erklären lässt'^'^'). Es war für die einzelnen deutschen Volks- stämme förmlich Ehrensache geworden, in die allgemeine Klage mit einzustimmen •'"*'). In der Lausitz, in Schlesien, Schwaben,. Österreich tauchen Flugschriften in Poesie und Prosa auf, meist dürftig nach Inhalt und Form — Geliert wird in ihnen als der Menschenfreund, der Christ, als ein Lehrer des Menschen- geschlechts und ein liebreicher Vater gefeiert — zum Teil von recht halbgebildeten Verfassern; aber alle sind eins in inniger An- erkennung und im Lob seiner religiös-sittlichen Wirksamkeit, sowie in der tiefen Trauer um seinen Verlust und in der fast begeisterten Schilderung seines erbaulichen Lebensendes. Man weiss zu rühmen, wie vorbildlich Gellerts regelmässiger Kirchen- besuch in ganz Leipzig wirkte •^°^). Eltern klagen „um den, der ihrer Sorge Teil für ihre Kinder wohl getragen" •^^''). — Zahl- reich waren auch jetzt die Lob- und Danksprüche von Leuten, denen Geliert ein „Seelenretter" geworden. So singt einer ^^^)r:
„ kann ich auch in diesem Leben
Ihm keinen würd'gen Dank durch meine Lieder geben, Jauchz' ich und Tausende mit mir vor Gott ihm zu: Du bist mein Freund, mein Seelenretter, du!"
307) Dasselbe Urteil s. iu der Vorrede zu den „Schwäbischen Bey- trägen". S. 2.
308) Schwäbische Beyträge, S. 3: „Unsere guten Schwaben haben in- dessen im stillen ihre Thränen in Deutschlands allgemeine Klage geweint,
— ein Beweis, dass auch sie die Grösse dieses Verlustes empfinden. Ich wage es nun, in einigen Pinselzügen zu zeigen, wie sehr man auch unter uns von dem vortrelflichen Charakter dieses grossen Mannes überzeugt sei." — Die zweite Seite der „Empfindungen etc." von Ehrenfried Liebich, Hirschberg 1770, enthält eine Aufzählung von schlesischen Verehrern Gellerts.
— In der „Vollständigen Sammlung der Gedichte, welche der Tod des Herrn Prof. Geliert veranlasset hat", findet sich unter Nr. 6, S. 102 ein Gedicht „Auf Gellerts Tod" von einem Grafen aus der Oberlausitz. — In Österreich aber besangen die Jesuiten Karl Mastalier, Michael Denis und Christoph Regelsberger den Verstorbenen.
309) Liebich, Empfindungen. S. 8.
3'0) „Dem Andenken Gellerts gewiedmet von der Gräfin von ***", S. 9. 311) Vollständige Sammlung der Schriften, welche u. s. w. S. 99.
— 65 —
Und andere sprechen aus innerstem Herzen mit Gellerts eignen Worten 3^2-|.
„Heil sei dir! denn du hast mein Leben,
Die Seele mir gerettet, du!" Sogar Fälschungen treten auf, in welchen Geliert erfimdene Thaten und Erfolge angedichtet werden. Da schreibt ein an- gebliches „Leipziger Frauenzimmer", sie habe zwölfjährig ihren Vater verloren, sei von der Mutter nach Gellerts Grundsätzen erzogen worden, habe mit diesem Briefe getauscht und von ihm auch ihre beiden Männer zugewiesen erhalten. Ein ,.alter, erfahrener Offizier", leider Pseudooffizier, weiss zu berichten, ganze Armeen hätten die geistlichen Oden und Lieder, sowie die Trostgründe wider ein sieches Leben bei sich gehabt; Gellerts Name sei das letzte Wort sterbender Offiziere gewesen; einer sei auf Wachtposten gefangen genommen worden, weil er noch eine Gellertsche Fabel auslesen wollte, ehe er das Pferd zur Flucht bestieg -^13) _ Schliesslich gerieten verschiedene der Scribenden mit einander iu Streit, weil in ihren Flugblättern einer dem andern nachwies, wie wenig seine Lobeserhebungen und sein selbstgefälliger Stil den wirklichen Verdiensten Gellerts entsprächen^^*). — Auch musste sein Name als buchhändlerisches Zugmittel auf Schriften stehen, deren Inhalt mit ihm in keiner Beziehung stand ^^^j. Die Bewohner Leipzigs aber unternahmen förmliche Wallfahrten nach des frommen Mannes Grab, so dass der Leipziger Eat zuletzt ein Verbot dagegen erlassen musste ^^ •5). Wie sehr die folgenden Jahrzehnte unter dem Eindruck von Gellerts Persönlichkeit standen, zeigt der Umstand, dass noch 1778 Pfeffel im Elsass in seiner Fabel „Der Knabe und sein Vater" dem jungen Grafen von Cüstine für zukünftige Siege in Deutschland im voraus milde Schonung anempfiehlt, weil es Gellerts Vaterland sei ■'!'), und dass sich noch zwanzig Jahre
3'2) II, 186. — Ferner: „Vollständige Sammlung der Gedichte, welche u. s. f." S. 138. — Betrachtungen beim Tode Gellerts an die beiden Grafen von Neipperg. S. 32.
^13) Die beiden Schriften: „Geliert als Vater, von einem Leipziger Frauenzimmer beschrieben" und „Gellerts Andenken in der Campao-ne, auf- gerichtet von einem alten, erfahrenen Offizier von T**", enthalten 'noch mehr Unglaubliches und rühren von einem Verfasser her, der weder Frauen- zimmer noch Offizier war, wie die Verfasser der „Moralischen, Satyrischen und Kritischen Anatomie u. s. f." hinterher entdeckten.
2") So die kritischen Anatomiker mit dem Verfasser der „Freund- schaftlichen Erinnerungen u. s. f." (von Prof. Froriep).
315^ So beschäftigt sich die Flugschrift „Geliert und Kabener, ein loteugespräch" mit einer Hungersnot vom J. 1772.
316) Hettner, Litteraturgeschichte III, S. 410. — Luthardt, a. a. 0. S. 21. — Muncker in der Kürschnerschen Ausgabe S. 11. ''
317) Siehe Rud. Hildebrand in der Zeitschrift für deutschen Unter- richt. 7. Jahrg. 1893, S. 84 ff.: „Etwas von Pfeffel und Geliert".
— 66 —
nach des Dichters Tode die verwitwete Königin Elisabethe Chri- stine von Preassen um die Übersetzung seiner geistlichen Oden und Lieder, sowie der moralischen Vorlesungen ins Französische eifrig bemühte •'^^). — Und diese Empfindung von Gellerts einzig- artiger Persönlichkeit und religiöser Bedeutung hielt auch im Auslande an. Der russische Geschichtschreiber Kararasin hatte in seiner Jugend Moralunterricht erhalten. Der Lehrer legte Gellerts Vorlesungen zu Grunde und sagte den Schülern: „Meine Freunde, werdet so, wie zu sein Geliert lehrt, und Ihr werdet glücklich sein!" Nun widmete sein Schüler auf einer Reise durch Europa (1789 — 90) bei seinem Leipziger Aufenthalt einen grossen Teil der Zeit Geliert, und die Worte, die er abends zum Wirt sprach, zeigen uns, welch tief empfundenes Bild Gellerts vor seiner Seele schwebte. Er sagte nämlich, nachdem er die Denk- mäler des frommen Mannes besucht hatte, zum Wirte: ,,Nein, Herr Memel, ich komme nicht zum Abendessen. Ich setze mich ans Fenster, nehme Weisses Elegie auf Gellerts Tod vor mich, Cra- mers und Denis Oden, werde lesen, mitempfinden und recht weinen. Den heutigen Abend widme ich dem Andenken des Wohlthäters der Menschheit, er hat hier gelebt und das Wohl- thun gelehrt" '^^^). — Der Berichterstatter, der im Oktoberheft des Journal encyclopedique v. J. 1775 die Übersetzung der Ora- merschen Gellertbiographie durch eine Frau la Fite ankündigt, erkennt in warmen Worten an, dass Geliert nicht bloss in seinen Werken modeles de goüt, sondern vor allem auch in seinem Leben exemples de toutes les vertus gegeben habe, und stimmt dem Urteil der Übersetzerin bei: „Sa vie est un traite de mo- rale mis en action" ''-*').
Alle grossen Männer haben nicht nur für ihre Zeitgenossen gelebt, sondern wirken auch auf spätere Geschlechter. Gar mancher Segen strömt noch heute von Gellerts Liedern aus, mögen sie nun in Gotteshaus und Schule gesungen werden oder der häuslichen Erbauung dienen. Dieser Segen wird auch nicht aufhören, solange es deutsche Gesangbücher giebt; aber er lässt sich nach seinem Umfange nicht abmessen und beschreiben. Wenn wir daher im folgenden nocli kurz über religiöse Nach- wirkungen etwas sagen wollen, so kann sich das nur auf ver- einzelte Spuren beziehen, wie sie zufällig zu Tage getreten sind. Hettner'^-') macht darauf aufmerksam, dass die beispiellos volks- tümliche Stellung Gellerts sich namentlicli in den unteren und
318) Süpflc, a. a. 0. S. 1G2 f. — Die erstereu erschieueu 1789, die letzteren 1790.
319) Eud. Hiklebrand. a. a. 0. S. 89 f.
320) Tb. Süpfle, a. a. 0. S. 103.
321) H. Hettuer, Geschichte der deutschen Litteratur im 18. Jahrh., III, 1. S. 409.
- 67 —
mittleren Schichten der Bevölkeruug bis iü den Anfang- unseres Jahrhunderts, in den Gebieten der deutschen Sprachgrenze aber, in Holland, Österreich, den russischen Ostseeprovinzen und in Welschtirol viel länger erhalten habe, und macht zum Beweise geltend, dass die neue Klee'sche Ausgabe von Gellerts Schriften im Jahre 1839 binnen wenig Monaten vorzüglich nach jenen Gegenden ausverkauft worden sei, und sich rasch zwei weitere Auflagen nötig gemacht hätten. Karl Hagenbach berichtet^-'-), dass für seine Altersgenossen „der Geliert" so gut als der Ka- techismus zu den üblichen Schulbüchern gehört und dass dem Kinde der Name Gellerts als Name des Buches gegolten habe, ehe es wusste, dass je ein Christian Fürchtegott Geliert als Professor in Leipzig lebte. H. Schuller erwähnt'^-'') eine Aus- sage des Herrn Professors R. Hildebrand in Leipzig, nach welcher bei dessen Eltern, besonders der Mutter, die Lieder Gellerts die beliebtesten waren, zu denen man in Sorgenstunden griff. Ähn- liches berichtet H. Grimm •^■-^) in seineu Goethevorlesungen. Ver- fasser selbst hat als Knabe in der Religionsstunde aus Lehrers Munde oft gehört:
Des Lasters Bahn ist anfangs zwar
Ein breiter Weg durch Auen;
Allein sein Fortgang wird Gefahr,
Sein Ende Nacht und Grauen *^-'^). Gewiss mancher, der vor der Gellertstatue im Rosenthale oder an des Dichters Grab im alten Johannisfriedhof gestanden, hat etwas von der Segensfülle geahnt, die von diesem Manne einst ausging, und sich gefragt, ob auch er „des Lebens Zweck und Wert" so sehr in wachsender christlicher Vollkommenheit und Liebe zu den Brüdern gefunden habe, wie jeuer grosse Bürger Leipzigs ""-"), Neben diesen anerkennenden Zeugnissen für Gellerts reli- giöse Verdienste steht natürlich auch die Kritik. Sie wurde zwar nicht bloss von der Nachwelt an Geliert ausgeübt, sondern schon kurz nach seinem Tode von den Zeitgenossen begonnen. Es ist aber interessant zu beobachten, wie vereinzelt sie sich anfangs an diesen Heiligen des Volkes heranwagte. Ganz schüchtern erhob sie ihre Stimme in einem Flugblatte"^-'^),
322) Im „Gellertbuche" v. Perdiuaud Naiimann S. 38 ff.: „Über Geliert als geistlicheu Liederdichter".
2-3) H. Schuller, IJber Gellerts erzieherischen Eiiifluss. S. 30. 3"-i) Hermauii Griium, GoethevorlesuDgen I, S. 89.
325) II, 94. Vers 3 aus dem „Kamj)!' der Tugend".
326) Gellertbuch S. 280 ff".: ,,Eiii Gang auf den Leipziger Friedhof". Hier sagt der Verfasser von sich und Geliert: „An seinem Grabe hat mein Herz gefunden, was ihm gefehlt; des Lebens Zweck und Wert hat sich mir liier aus Nacht in Licht verklärt."
3"-'") Aufrichtige Gesinnungen über das Natürliche und Übertriebene bey denen auf den Tod des verehruugswürdigeu Gellerts herausgekommenen
— 68 —
welches während der Ostermesse 1770 verkauft wurde. Hier wurde angesichts der Unzahl von weinerlichen Grabschriften über Gellerts Tod dem Leser gesagt, man thue Unrecht, wenn man den Verlust dieses Mannes auf eine übertriebene Art be- dauere, als ob die Welt mit ihm alles verloren hätte. „Unser Geliert war ein Mensch wie andere Menschen — unter seinen Voll- kommenheiten leuchtete immer noch viel Unvollkommenes hervor."
Lauter und deutlicher erklang die Kritik in dem Brief- wechsel, der unter dem Titel: „Über den Wert einiger deut- schen Dichter und über andere Gegenstände, den Ge- schmack und die schöne Litteratur betreffend" 1771 und 1772 in zwei Abteilungen erschien. Die Verfasser — Mau- villou und Unzer — hatten sich nicht genannt. Sie urteilten in hartem Tone, und Goethe sah voraus, dass sie bei einem Pu- blikum, dem „an Geliert, die Tugend und die Religion glauben" beinahe eins war, grossen Zorn erregen würden.
Geliert wird von ihnen hingestellt als ein schwacher Poet ohne einen Funken von Genie (z. B. I, 40. 59), der seinen Ruhm nicht den Kunstrichtern, sondern der frei zugewandten Gunst des Publikums verdanke (1, 64) und zwar eines Publikums, das, selbst durchaus seicht, keinen Geschmack besitze und bisher die schöne Litteratur nur in einer höchst kläglichen Gestalt kennen gelernt habe (I, 4.3. 75). So sei er mit seinen nur wenig besseren Leistungen „das goldene Kalb", der „Abgott der Na- tion" geworden (I, 79. 117). — Gellerts persönliche Moralität wird von den Verfassern gelegentlich als ein „wirklich edler Zug in dem Charakter seiner Schriften" anerkannt (I, 194), seine Tugend- lehre aber genauer untersucht. Zunächst wird der wissenschaftliche Wert der moralischen Vorlesungen geprüft. Einen solchen ver- mögen die Briefschreiber nicht zu finden. Geliert habe viel- mehr die auf dunkeln Gefühlen beruhenden sittlichen Vor- stellungen seiner Mitmenschen unbewiesen angenommen, ohne auf ihren Grund zu gehen, und dieselben in den Herzen seiner Hörer und Leser zu stärken gesucht (I, 2.55). Auch habe er in seinen sittlichen Aufstellungen keinen Zusammenhang, „nichts richtig Schliessendes" (I, 262). Daher sei die nunmehr gedruckte Moral für Leute, „die keine Wissenschaften haben, die den Zu- sammenhang nicht einsehen können, bei denen aber doch die einzelneu Stellen einen guten Eindruck zu machen vermögen", ein sehr gutes, gemeinnütziges Buch (I, 242), indem sie ihren
Gedächtuisschriften. Leipziger Ostermesse. — Die Schrift, welche der Frei- herr von Schönaich 1754 anonym unter dem Titel: „Die ganze Ästhetik in einer Nuss oder neologisches Wörterbuch u. s. f." herausgab, trägt zu sehr den Charakter der Schmähschrift und kommt mit ihren unbedeutenden Äusserungen über Geliert (dem S. 282 ungerechterweise starker Ehrgeiz vorgeworfen wird) hier uicht in Betracht,
— 69 —
Empfindungen eine gewisse Richtung gebe (I, 266). Für ge- bildete, denkende Menschen aber sei sein Werk nichts, so sehr die Lobreden auf Tugend und Religion ein Zeugnis von des Verfassers vortrefflichem Charakter wären (I, 308. 242). — Ausserdem erheben die beiden Briefschreiber gegen Geliert noch den Vorwurf, er habe, indem er Weichlichkeit und Schwach- heit der Seele angepriesen, unter fortwährendem Lobe eines guten, empfindlichen Herzeus die Temperaments-, Erziehungs- und Vorurteilstugend empfohlen und so unter Herabsetzung grosser Tugenden kleine in den Himmel erhoben (I, 275. II, 2). Wenn daher das Vaterland Verteidiger brauche, könne es die durch Gellerts Schwachheit angesteckten Seelen nicht gebrauchen (I, 268). — Ebenso schädlich seien Gellerts Schriften durch die gelegentlich falschen Grundsätze über Gelehrsamkeit ge- worden. Die Hörer hätten über ihrem guten Herzen und über der Lektüre Gellertscher Schriften, in denen u. a. ein Poly- histor lächerlich gemacht werde, das fieissige, gründliche Ar- beiten verlernt (I, 279).
An diese Kritik, der sich Goethe in seiner Recension des Briefwechsels ^'■^^) im wesentlichen anschloss und die längere Zeit hindurch die einzige bedeutende blieb, knüpften auch neuere Litterar- historikerfKoberstein, Gervinus, Vilmar, Muncker) insofern an, als sie den grossen Einfluss Gellerts eben aus der Mittelmässig- keit seiner Leistungen erklärten, die für die Auffassungskraft des Durchschnittspublikums gerade ausreichend gewesen sei.
Ausführlich und gründlich, vor allem auch nach der so- cialen und sittlichen Seite hin, beurteilte Karl Biedermann in seinem Werke „Deutschland im 18. Jahrhundert"-^-^) Gellerts Bedeutung. Er geht über die blosse Negation hinaus und zeigt Geliert als einen Mann, welcher der Nation auf litterarischem, aber auch auf sittlichem Gebiete zu einer besseren, selbständi- geren Denk- und Empfindungsweise verhelfen habe, die im Gegensatz zu falscher Orthodoxie und falschem Pietismus le- bendige, innere Frömmigkeit ohne äusseren Zwang in den ir- dischen Lebensverhältnissen bethätigte. p]r zeigt, wie Geliert die leichtfertige französische Glückseligkeitslehre kräftig zurück- wies und wie er mit seinen freimütigen und humanen Äusse- rungen über die Standesverhältnisse auch auf socialem Gebiete mit wirklich originellen Gedanken hervortrat. Er weist ferner nach, wie die äusseren Verhältnisse in Deutschland, das sich bei Adel und Bürgerschaft wieder regende sittliche Gefühl, der siebenjährige Krieg und die Bedeutung der Universität Leipzig die Erfolge Gellerts unterstützten, und geht dann zur eingehen- des) Frankfurter gelehrte Anzeigen 1772 Nr. XV vom 21. Febr., bei Herapel XXIX S. 13 f.
323) 2. Baad, 2. Teil. S. 3-70.
- 70 —
den DarleguDg der Mängel über, welche die von Geliert ver- suchte sociale und sittliche Reform besessen habe. Wenn erstere an dem gänzlich unpolitischen Charakter der Gellertschen Le- bensphilosophie leide, so zeige sich auf sittlichem Gebiet eine einseitige Verzärtelung des Emptindungslobens und eine be- denkliche, mehr auf Stimmungen als auf Grundsätzen ruhende kasuistische Moral.
Abschliessendes Urteil. Den Ausfüliruugeu des letzten Beurteilers stimmen wir im wesentlichen bei ; auch an der Kritik von Mauvillon und Unzer erscheint uns vieles als wahr, vor allem, dass Geliert kein dichterisches Genie war, und dass seine moralischen Vorlesungen keine wissenschaftliche Leistung sind. Im übrigen aber halten wir uns auf Grund der gegebenen Darstellung vom religiösen Wirken Gellerts zu folgenden Bemerkungen für berechtigt:
1) Das hohe Ansehen und die liebevolle Verehrung dieses Mannes im deutsclien Volke lässt sich nun und nimmer aus dem mittelmässigeu ästhetischen Werte seiner Schriften aus- reichend erklären. Wurde er bloss deshalb so allgemein ver- standen, verehrt und geliebt, weil er „kein Genie" war, so müssten aucli andere mittelmässige Dichter den gleichen Ruhm unschwer erlangt haben. Aber Gellerts Beliebtheit ist ein einzig- artiges Schauspiel geblieben. Vielmehr dürfte ihm sein ziel- bewusstes, gesegnetes religiöses Wirken im Herzen des Volkes den Ehrenplatz erobert haben, von dem ihn auch das kommende Geniewesen niclit vertreiben konnte. Und die weite Verbreitung seiner Schriften, angebahnt durch das sicher propädeutische Verdienst Gellerts um den erwachenden guten Geschmack und durch die zeitweilige Harmonie zwischen seinem Geschmack und dem des Volkes, würde dann nur eine der glücklichen Voraussetzungen bilden, unter denen jenes religiöse Wirken in so ausgedehntem Masse zu stände kommen konnte.
2) Den unpolitischen Charakter der Gellertschen Lebens- l>hilosophie und die Verzärtelung des Empfmdungslebens zu- gegeben, darf man doch die gelegentlich kasuistische Moral •'•^^) beim Urteil über Gellerts religiöses Wirken nicht zu schwer wiegen lassen, einmal, weil beides verbreitete Fehler seiner Zeit waren, sodann aber besonders, Aveil Geliert nach dem Mass seiner besseren Erkenntnis versuchte, gegen diese allgemeine Strömung, die auch ihn mitgerissen hatte, anzukämpfen. Denn wenn er vor seiner Unterredung mit Friedrich dem Grossen betete, dass er nichts wider sein Gewissen reden möchte ■^"^), so
33<') Sie tritt z. B. in dein Antwortschreiben auf, welches Geliert dein um der Religion willen in ein Duell geratenen Ul'lizier sendet. ^31) Seh. ep 53.
— 71 —
ist das kein Beweis von grosser Willensschwäche, sondern ein schönes Zeugnis christlicher Bemühung, auch im Verkehr mit Hühergestellten unter Beiseitesetzung jeder kasuistischen Moral die Wahrheit der Religion ebenso zu vertreten, wie vor dem niederen Manne aus dem Volke. Und die Beharrlichkeit, mit der er Einladungen'^"-) stets ausschlug, wenn er gerade den Gottesdienst besuchen oder „das wichtigste Werk", Beichte und heiliges Abendma]il, begehen wollte, beweist ebenfalls, dass er für seine Person ernstlich bestrebt war, seine sittlichen An- schauungen in cbaraktervoller AVeise in Thaten umzusetzen.
3) Indem Geliert den litterarischen Geschmack des Volkes zu bilden suclite, wollte er dasselbe auch religiös fördern. Als nun der Gellertsche gute Geschmack in den schönen Wissen- schaften von der litterarischen Ent Wickelung schnell überholt wurde, brachen viele Litterarhistoriker über diesem, aber leider zu schnell auch über der religiösen Bedeutung Gellerts den Stab. 80 richtig Mauvillon und Unzer den Mangel an Genie in den Dichtungen und die Unwissenschaftlichkeit in den mo- ralischen Vorlesungen erkannten, so wenig wurden sie doch den religiösen Verdiensten Gellerts gerecht, die uns noch heute Be- wunderung abnötigen.
Denn mögen uns auch die bisweilen unklaren dogmatischen Aufstellungen Gellerts unbefriedigt lassen , mag uns auch die grosse Schüchternheit seines Wesens, welche auf seine Religiosität überging, mit Recht als krankhaft erscheinen, er war doch eine einzigartige religiöse Persönlichkeit mit geschlossener, biblischer Weltanschauung. Staunen muss man, wie sehr er, mitten hineingestellt zwisclien entgegengesetzte tlieologische Strömungen, weit entfernt von der glauV)ensstarken Vergangenheit der Re- formation und von der Erneuerung des lebendigen Glaubens in unserm Jahrhundert, nicht nur persönlich einen lebendigen christlichen Glauben besass, sondern auch mit Erfolg bemüht war, andern dazu zu verhelfen; staunen, mit welch hoher Selbst- überwindung er auch in Zeiten der Krankheit die trübe Stim- mung seines Herzens niederkämpfte •^•••■j und das Christentum seines Mundes im Leben bewies, um andern dadurch religiöse Dienste zu thun. Man hat zwar seiner Apologetik vorgeworfen, dass sie in die Wunder der Erlösung nicht einzudringen ver- suche, sondern ohne Spekulation vor ihnen stehen bleibe. Für Geliert als Theologen mag dies ein Mangel sein, nicht aber für ihn als Christen, auch niclit für seine religiöse Wirksamkeit.
332) Z. B. p]iiiladiuigen in das Gniflich Vitztlmmsche Haus. — Seh. ep. 04. 74. 85. — VllI, ep. 104.
333) Maa erstaunt und erschrickt fast, wenn uiau nach der Lektüre von Gellerts Briefen aus dem Jahre 17G1 zu dem gleichzeitigen Tagebuch übergeht: denn hier erst merkt mau, wie krank Geliert eigentlich war.
— 72 —
Denn es liegt jenem Verzicht auf die Lösung göttlicher Ge- heimnisse ein kindlicher Glaube 7Ai Grunde, der die Heils- wahrheiten annimmt, wie sie geboten werden. Und gerade durch diese innige, reflexionslose Hingabe au die göttlichen Wahrheiten erzielte Geliert viele seiner Erfolge, weil auch damals die wei- teren Kreise des Volkes das leuchtende Vorbild eines wirklich gläubigen gebildeten Christen mehr bedurften und schätzten, als den verstandesgemässen Beweis des Glaubens. — Noch ein anderer Zug seines religiösen Wirkens tritt hervor. Nie hat Geliert, wie viele seiner Zeitgenossen, mit finsterer Androhung der ewigen Höllenstrafen unter Zurücksetzung der allumfassen- den Liebe Gottes den Sündern den Himmel vorzeitig verschlossen; sondern, so hohe sittliche Strenge ihn erfüllt, seine Auffassung vom Himmelreich war die eines herrlichen Gottesgartens '''**), in welchen alle eingeladen sind, und die Grundstimmung seines Christentums ist echt evangelische Fröhlichkeit, herausgeboren aus der schönen Aussicht auf die jenseitige Vollendung.
Die beste Rechtfertigung der religiösen Wirksamkeit Gellerts liegt indessen in ihrem Erfolge. G. H. v. Schubert bemerkt ^*^^) mit liecht. Geliert habe ausser seiner Wirksamkeit auf die Jünglinge, die ihn als Lehrer liebten und verehrten, noch eine besondere Gabe empfangen, nämlich den erweckenden und bildenden Einfluss auf jene Zeitgenossen, welche den höheren Ständen angehörten. Darin liege seine providentielle Bedeutung. Auch wir fanden, dass sich Gellerts religiöser Einfluss nicht auf die niederen und mittleren Schichten des Volkes allein er- streckte, dass er vielmehr auch den höchsten Kreisen fühlbar wurde und in vielen Fällen ein nachhaltiger blieb. Dann aber darf Goethes Urteile über Gellerts religiöse Dozentenwirksam- keit''''") — der Eindruck habe nicht lange nachgehalten — bloss beschränkte Geltung beigelegt werden. Dasselbe beweist nur, dass auch die edelsten Geister eines Volkes nie bei allen Mitmenschen erreichen, was sie angestrebt haben. Der Ge- samteindruck von Gellerts religiöser Wirksamkeit bleibt be- stehen, dass er nämlich, um mit Worten ^^^) zu reden, die an der Leipziger Hochschule zur hundertsten Wiederkehr seines Todestages gesprochen wurden, bei massiger Begabung „durch Treue und Wahrhaftigkeit, durch sittliche Arbeit und religiösen Ernst zum überfliessenden Gefäss des Se- gens für eine «"anze Nation" o-eworden ist.
33*) Den Hinweis hierauf veitlaukt Verfasser der Güte des Herrn Pro- fessors Dr. Hildebrand.
33ä) G. H. V. Schubert, Züge aus Gellerts Leben. S. 25.
330) Dichtung und Wahrheit, 7. Buch. Heinpel XXI, S. 7G.
337) Chr. Ernst Luthardt: Christian Fürchtegott Geliert. Rede, am 13. Dezember 1869 in der Aula der Leipziger Universität gehalten und mit Erläuterungen verseheu. Leipzig, Dürffliug und Franke. 1870.
Inhaltsübersicht.
Seite. Einleitung 13.
I. Voraussetzungen einer ausgebreiteten religiösen Wirl^samkeitGeiierts.
S. 14—26.
A. Innere: Gellerts Christentum. S. 14 — 19.
1. Theologische Strömungen in Gellerts erster Lebenshälfte . 14.
2. Geliert von Haus aus eine religiöse Natur . . . .15.
3. Beeinflussung seiner theologischen Ausbildung und Eeligio- sität durch jene theologischen Richtungen . . . .16.
4. Der Drang nach religiöser Wirksamkeit 19.
B. Äussere: Gellerts Lebensführung. S. 20 — 26.
1. Schriftstellerische Thätigkeit 20.
2. Akademische Lehrthätigkeit 23.
II. Darstellung der religiösen Wirksamkeit Gellerts nach Umfang und
Inhalt. S. 26—57.
A. Religiöses Wirken auf grössere Kreise. S. 26 — 42.
1. Vom akademischen Lehrstuhl herab. S. 26 — 36.
a) Sämtliche Vorlesungen müssen diesem Zwecke dienen . 26.
b) Religiöser Gehalt seiner Vorlesungen .... 27.
c) Vorzüge äusserer Art, welche Gellerts Einfluss unter- stützten 32.
d) Vorzüge innerer Art: Geliert als imponierende christ- liche Persönlichkeit 34.
2. Durch seine Schriften. S. 36 — 42.
a) Welche kommen in Betracht? 36.
b) Sorgfältige Ausarbeitung derselben .... 37.
c) Religiöser Gehalt 38.
d) Apologetischer Charakter 41.
B. Religiöses Wirken auf Einzelne. S. 42 — 57.
1. Im persönlichen Verkehr. S. 42 — 49.
a) mit seinen Hörern 42.
b) mit anderen 46.
2. Durch seine Briefe. S. 49.
a) Entstehung und Umfang seines Briefwechsels . . 49.
b) Seelsorgerliche Anfragen und Bitten aus den höheren Ständen 50.
c) Stellenvermittlung 52.
d) Briefwechsel mit Freunden 53.
III. Erfolge und Würdigung seines religiösen Wirkens. S. 57—72.
A. Bei den Zeitgenossen. S. 57 — 66.
1. So lauge Geliert lebte. S. 57 — 64.
a) bei seinen Hörern 57.
b) bei weiteren Kreisen 60.
2. Als er gestorben war. S. 64 — 66.
B. Bei der Nachwelt. S. 66—70.
1. Religiöse Nachwirkungen 66.
2. Kritik 67.
Abschliessendes Urteil 70.
Vita.
Karl Otto Frenzel, ev.-lutli. Kouf., wurde am .U. Dezember 1865 iu Bautzen als Sohn des Semiuaroberlehrers Karl Ferdinand Frenzel geboren. Nachdem er der städtischen Vorbereitungsschule angehört und auf dem Gymnasium seine wissenschaftliche Vorbil- dung erhalten hatte, bezog er nach bestandener Maturitätsprüfung Ostern 188G die LandesuniA^ersität Leipzig und widmete sich daselbst dem Studium der Theologie. Das sechste Semester verbrachte er an der Universität Greifswald, das siebente und achte wiederum in Leipzig. Hier zog er auch die Pädagogik iu den Kreis seiner Stu- dien. Am n. Dezember LSHl) wurde er exmatrikuliert und erlang-te nntenn \. März des folgenden Jahres nach Ablegung des Examens pro candidatura die licentia concionandi. Hierauf bekleidete er zwei Jahre lang das Amt des Religionslehrers an der Eealschule seiner Vaterstadt. Ostern 1891 A\Tirde er ständig. Ostern 1892 be- rief ihn das Vertrauen des Hohen Königlichen Ministeriums des Kultus und öft'entlichen Unterrichts als ständigen Lehrer an das Seminar zu Löbau. Kurz nach seiner Übersiedlung unterzog er sich vor der Königlichen Pädagogischen Prüfungskommission zu Leipzig der Prüfung für das höhere Schulamt nach Massgabe der Ordnung vom 20. Januar 1888 und bestand im Oktober desselben Jahres vor dem ev.-luth. Landeskonsistorium zu Dresden die theologische Wahl- fähigkeitsprüfung. Am 21. April 189o wurde ihm das Prädikat „Oberlehrer" verliehen. Nach zweijähriger Thätigkeit in Löbau berief ihn die oberste Schulbehörde Osteni 1894 iu seiue jetzige Stellung am Königlichen Seminar zu Dresden-Friedrichstadt.
PLEASE DO NOT REMOVE CARDS OR SLIPS FROM THIS POCKET
UNIVERSITY OF TORONTO LIBRARY
PT Frenzel, Karl Otto
1383 über Gellerts religiöses
Z6F7 Wirken
m ...M
^■: .-^^
^^"■'^'
ifÄ
m... ^m
m.m.
rm....-,.E
^'^■■^...^.^''.^..■^'^
^-.■^•■i ....«.^-i
m. ,:#::€:-:^
■1 .!t-:^M
■^- .".. -^^ ?■:*$
|
^•Ä Ü •" |
|||||
|
*| |
t |
|
M |
^' '' -''^v |
|||
|
M |
fc |
» |
^a |
|
|
'Wr |
"^^ |
!^, |
• •.'Jsfs |
|
|
'3 |
.^^' |
'■# > |
||
|
m. |
^^ |
'.ff'' |
■--. |
m. ; |
i,--Ss ..^ ^^M"?
utt ä". 'S;
3..,v*i
4:*"^'
< , .t ^ %
■t . .3i ... .
^4«
>r .'':
,..j';:4i'
».„■äS.^'t
•■■ '^ ^ ■'^' »••^ ....
Z''*' .*-^ ..1-^'".'^*^
-. Sr-::f, ; .
:■€■■:
# M .~
1; •€ '
■-■ji ^: ■^ -. -s^_
X:-. .;l:^
t**
^1
|
■ ■■ |
|
■ ■■K |
|
■ ■■M ■ ■■■* |
|
■ ■■ ■ |
i « *«